Sonntag, 23. November 2008

Interview mit "Mister Mammoth" Dick Mol


















Dick Mol bei einer Ausgrabung. Foto: Wilrie van Logchem

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Interview mit Dick Mol ("Mister Mammoth"), international anerkannter niederländischer Mammut-Experte aus Hoofddorp bei Amsterdam

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Frage: Herr Mol, seit wann interessieren Sie sich für Mammuts?

Antwort: Ich habe 1968 angefangen Fossilien zu sammeln. Damals wohnte ich an der deutsch-niederländischen Grenze in Winterswijk. Die Umgebung von Winterswijk gilt als ein so genannte geologisches Mosaik. Dort gibt es einen sehr großen Steinbruch mit Gesteinen aus der Trias, genauer gesagt aus dem Muschelkalk. In verschiedenen Bachbetten liegen Schichten aus dem Jura und so weiter. In manchen Tongruben findet man Ablagerungen aus dem Oligozän und Miozän. Überall konnten Fossilien gefunden werden. Ich habe dort sehr viel entdeckt. Die Fossilien – wie Fußabdrücke von Nothosauriern oder Ammoniten, Belemniten, Haifischzähne und vor allem Walknochen aus dem Miozän – habe ich immer dem Geologischen Museum in Leiden geschenkt. Dieses Museum in Leiden hiess damals "Rijksmuseum van Geologie en Mineralogie". Heute ist es zusammen mit dem "Rijksmuseum voor Natuurlijke Historie" untergebracht im "Nationaal Natuurhistorisch Museum Naturalis" zu Leiden. Als ich dort das erste Mal hinkam, habe ich die sehr umfangreiche Sammlung von Mammutknochen auf dem Dachboden gesehen. Davon war ich sehr beeindruckt. Mammuts, nein, davon konnte man in meiner Gegend keine Überreste sammeln.

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Frage: Was fasziniert Sie an Mammuts?

Antwort: Mammute kennt jeder. Aber es gibt sehr viele Annahmen, die nicht richtig sind. Diese falschen Annahmen möchte ich korrigieren. Nein, Mammute, und damit meine ich das Wollhaar- Mammut (Mammuthus primigenius) haben nicht in Schnee und Eis gelebt. Mammute sind Elefanten, brauchen sehr viel Futter, etwa 180 bis 200 Kilogramm am Tag, und das haben diese Tiere nicht auf verschneiten Tundren gefunden. Nein, Mammute sind gar nicht so groß, wie man denkt, und sie haben auf trockenen Grassteppen gelebt. Von England im Westen über ganz Europa, Asien bis nach Nord-Amerika gab es im Spätglazial der Weichsel-Eiszeit eine Mammut-Steppe: kalt und trocken. Bäume wuchsen kaum.

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Frage: Haben Sie in Ihrem Beruf mit Mammuts zu tun?

Antwort: Am Flughafen Amsterdam bin ich als Zollbeamter tätig. Unter anderem bin ich Sachbearbeiter für das Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen (Cites). Ja, Elfenbein von Mammuts aus dem Dauerfrostboden und auch daraus hergestellte Objekte sehe ich öfters vorbei kommen und erkenne sie auch sofort. Habe aber auch zu tun mit Elfenbein von heutigen Elefanten aus Afrika und auch aus Asien. Obwohl der Handel mit Elfenbein nicht gestattet ist, werden doch noch regelmäßig Schmuggler gefasst. Meine Kenntnisse über Elefanten im Allgemeinem sind dann ein großer Vorteil.

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Frage: Wie wird man – so wie Sie – zum international anerkannten Mammut-Experten?

Antwort: Seit Anfang der 1970-er Jahre war ich befreundet mit Dr. Paul Sondaar, einem inzwischen verstorbenen niederländischen Paläontologen von der Universität Utrecht. Von ihm habe ich sehr viel gelernt. Mit ihm war ich sehr viel unterwegs. Viele Fundstellen, aber auch internationale Konferenzen haben wir gemeinsam besucht. 1983 hat er mich zu einer Konferenz auf Sardinien eingeladen. Dort habe ich dann meinen ersten Vortrag über Rüsseltier-Reste vom Nordseeboden gehalten. Dabei ging es über Mastodonten aus dem Pliozän, die ersten Mammuts in Europa, über Waldelefanten aus der Eem-Warmzeit bis zum Wollhaar-Mammut. Das war ein großer Erfolg. Danach kamen Einladungen aus aller Welt.

1997 habe ich zusammen mit Bernard Buigues aus Paris ein großes Projekt in Sibirien angefangen: „Who or what killed the Mammoths?“. Bei diesem Projekt war ich verantwortlich für die wissenschaftliche Koordination. Ich habe ein großes Team aufgebaut mit über 40 Wissenschaftlern aus aller Welt. Damals habe ich viele neue Ideen entwickelt, die dazu beigetragen haben, dass wir jetzt ein ganz anderes Bild vom Mammut und dem Aussterben dieses Eiszeit-Riesen haben.

Dazu kommt, dass ich natürlich 100-prozentige Freiheit habe. Ich bin als ehrenamtlicher Forscher tätig am Naturhistorischen Museum in Rotterdam. Zusammen mit dem Musee Crozatier in le Puy-en-Velay, Haute Loire, Frankreich, unternehme ich eigene Expeditionen. Es scheint so, dass die Medien immer an eiszeitlichen Säugetieren wie Mammuts als Eiszeit-Symbol interessiert sind. Ob ich jetzt in Weimar in Deutschland bin oder in Basel in der Schweiz oder im Yukon in Kanada, immer werde ich gebeten, Vorträge zu halten und mit Journalisten zu sprechen. Das mache ich gerne, und das Interessante daran ist, dass ich immer davon lerne. Die Gespräche gehen natürlich über Mammuts und so weiter, aber immer wird geforscht, warum ich nicht mein Geld damit verdiene. Ich mache die Paläontologie aus Liebe.

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Frage: Das Mammut wurde 1799 von dem deutschen Gelehrten Johann Friedrich Blumenbach als Erster wissenschaftlich beschrieben, weiß man heute alles über dieses Rüsseltier?

Antwort: Ja, wir denken, dass wir alles wissen, aber immer gibt es noch etwas zu lernen. Dass die Mammuts ausgestorben sind, weiß jeder. Aber was hat das Aussterben verursacht. Darüber sind wir noch nicht klar. Interdisziplinäre Studien können dazu beitragen. Wie hat die Umwelt des Mammuts ausgesehen, warum ist ihr Biotop verschwunden? Da gibt es noch viel zu lernen. Haben die Mammuts ein Sozialleben geführt wie die heutigen Elefanten? Darüber wissen wir sehr wenig. Auch da können wir von den Fossilien noch sehr viel erfahren. Darum muss das Fach Säugetierpaläontologie unterstützt werden. Wenn wir die Vergangenheit der Tiere verstehen, sind wir vielleicht in der Lage die Tiere in Afrika erfolgreicher zu schützen.

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Frage: Wie hoch und schwer waren die größten Mammute?

Antwort: Während des Eiszeitalters (Pleistozäns) vor etwa 2,6 Millionen bis 11.500 Jahren vor heute hat es in Europa drei verschiedene Mammuts gegeben. Im Früh-Pleistozän das Südliche Mammut (Mammuthus meridionalis) mit einer Schulterhöhe von 4,20 Meter, im Mittel-Pleistozän das Steppenmammut (Mammuthus trogontheri) und im Spät-Pleistozän das Wollhaar-Mammut (Mammuthus primigenius). Davon ist das Wollhaar-Mammut das kleinste mit einer Durchschnitts-Schulterhöhe von etwa 2,60 Meter und einem Gewicht von etwa 4.000 bis 5.000 Kilogramm. Wir müssen aber berücksichtigen, dass bei Mammuts die männlichen Tiere erheblich größer als die weiblichen Tiere waren. Auch haben die männlichen Tiere größere, längere und mehr spiralförmig gekrümmte Stosszähne gehabt.

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Frage: Warum sind nach Ihrer Meinung die Mammuts ausgestorben?

Antwort: Das Aussterben von Großsäugetieren am Ende des Eiszeitalters wurde durch Klimaänderungen verursacht. Durch diese dramatischen Veränderungen ist die Umwelt des Mammuts verschwunden und damit auch das Mammut selbst.

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Frage: Kann man aus dem Erbgut von Mammut-Mumien ein Mammut wieder auferstehen lassen?

Antwort: Nein, ich bin davon überzeugt, dass die Wiederauferstehung des Mammuts unmöglich ist. Dafür bräuchte man intaktes Erbgut, und das ist im Dauerfrostboden Sibiriens nicht vorhanden.

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Frage: Gibt es falsche Meinungen über Mammuts?

Antwort: Ja, sehr viele. Erstens: es hat verschiedene Arten gegeben. Die Mammuts waren nicht sehr groß. Mammuts haben nicht alle sehr große Stoßzähne gehabt und sie haben vor allem nicht in Schnee und Eis gelebt. Mammuts haben die spätpleistozäne Mammutsteppe bewohnt. Mammuts sind wie Elefanten in Afrika sehr soziale Tiere gewesen.

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Frage: Sie haben oft an der Bergung von Mammuts teilgenommen, welche Entdeckungen werden Sie nie vergessen?

Antwort: Ich werde keine vergessen. Von allen Entdeckungen und Ausgrabungen werden viele Notizen gemacht, alles wird sehr gut dokumentiert. Darüber hinaus haben wir auch immer einen professioneller Fotografen mit dabei. Aber das 1998/1999 ausgegrabene Jarkov- Mammut hat einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Als wir anfingen, in der Eishöhle von Khatnaga auf der Taymir-Halbinsel im Arktischen Sibirien mit Heißluftgebläsen das Mammut aufzutauen, hat es sehr stark gestunken. Als ob man den Stall der Elefanten in einem Zoo betritt. Für mich war es ein herrlicher Geruch. So hat ein Mammut gerochen. Das war ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

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Frage: Ist in den Niederlanden die Suche nach Mammut-Fossilien erlaubt?

Antwort: Ja, das ist erlaubt. Es gibt in den Niederlanden sehr viele Überreste von eiszeitlichen Großsäugetieren. Die kleinen Museen haben oft sehr große Sammlungen. Auch gibt es sehr viele Amateure, die sehr gut dokumentierte Sammlungen betreuen. 350 Sammler von eiszeitliche Säugetieren gibt es in diesem kleinen Land und auch noch sehr gut organisiert in der WPZ, der Arbeitsgruppe Pleistozäne Säugetiere, siehe http://www.pleistocenemammals.com

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Dick Mol mit Fossilfund aus der Nordsee. Foto: Rene Bleuanus

Frage: Beim Fischfang in der Nordsee werden immer wieder Knochen oder Zähne von Tieren aus dem Eiszeitalter in den Netzen entdeckt, welche Arten sind am meisten im Fundgut vertreten?

Antwort: Wir können verschiedene pleistozäne Faunen aus der Nordsee unterscheiden: Früh, mittel- und spätpleistozäne und auch frühholozäne Faunen. Es sind komplette Faunenlisten bekannt. Eine dieser Faunen möchte ich kurz erwähnen: Die spätpleistozäne Mammut-Fauna mit Tieren wie Wollhaar-Mammut, Wollhaar-Nashorn, Pferd, Steppenbison, Riesenhirsch, Rentier, Otter, Biber, Moschusochse, Höhlenlöwe, Säbelzahnkatze, Bär, Vielfraß, Fuchs, Hyäne, Hasen und viele andere.

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Frage: Besitzen Sie eine Sammlung von Mammut-Fossilien und welche Funde liegen Ihnen am meisten am Herzen?

Antwort: In meiner Privatsammlung, die eines Tages in einem Museum untergebracht werden soll, befinden sich über 20.000 Mammut-Teile. Nicht nur Knochen und Backenzähne, sondern auch Weichteile aus dem Dauerfrostboden Sibiriens und Nord-Amerikas. Dazu auch Überreste von anderen Tieren aus dem ganzen Eiszeitalter: Riesenhirsche, Rinder, Raubtiere, Antilopen und so weiter. In der Gefriertruhe liegt seit 1997 ein Pfund Mammutfleisch aus Sibirien. Das ist ein ungewöhnliches Fossil. Außerdem besitze ich Kot von Mammuts aus Nord-Amerika und Sibirien.

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Friedje Mol bei der Ausgrabung eines Mammutschädels in der Auvergne (Frankreich) 2008. Foto: Frederic Lacombat

Frage: Teilen Ihre Frau Friedje und Ihre zwei Kinder Ihre Begeisterung für Mammute?

Antwort: Ja, die kennen mich nicht anders als einen leidenschaftlicher Sammler und Untersucher. Darüber hinaus bin ich sehr oft im Ausland. Meine Frau Friedje geht öfters mit, war mit in Sibirien, auf den Channel Islands vor der Küste von Kalifornien, Patagonien und so weiter. Sie hatte das Erlebnis, ein komplettes Skelett von Mammuthus exillis auf Santa Rosa mit auszugraben. Das ist ein Zwerg-Mammut mit etwa 1,60 Meter Schulterhöhe. Meine Kinder sind schon längere Zeit selbstständig und wohnen nicht mehr daheim.

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Frage: Gibt es in den Niederlanden ein Museum, das besonders interessante Mammut-Funde zeigt?

Antwort: Ich kenne fast alle Mammut-Sammlungen auf der Welt. Das Naturhistorische Museum Naturalis in Leiden ist – was Mammute betrifft – das größte der Welt. Ich kenne die Sammlungen sehr gut. Die Sammlungen sind so umfangreich, dass wir vor 10 Jahren in der Lage waren, ein sehr schönes Mammut-Skelett daraus aufzubauen. Das Skelett ist jetzt der „Eye-Catcher“ des Museums.

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Frage: Sie sind einer der Autoren eines Buches über Säbelzahnkatzen, wie kam es dazu?

Antwort: Als wir einen Unterkieferast von einer Säbelzahnkatze in der Nordsee entdeckt haben und feststellten, dass es sich um die Gattung Homotherium aus dem Spätpleistozän (nur 28.000 Jahre vor heute) handelt, war die Hölle los. Keiner hatte gedacht, dass die Säbelzahnkatzen in Nordwest-Europa noch so lange vorkamen. Jetzt ist das weltweit akzeptiert. Es hat uns viel Arbeit und Energie gekostet, die Untersuchungen (darunter viele Vergleichsstudien im Ausland, sechs Radiocarbon-Altersdatierungen und verschiedene Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Publikationen) durchzuführen. Deshalb haben wir uns entschlossen, all unsere Erkenntnisse über diesen Sensationsfund in einem allgemein verständlichen Buch zu publizieren . Wenn ich den Besprechungen des Buches glauben darf, dann ist es gut gelungen. Es ist jetzt nicht nur in niederländischer, sondern auch in englischer Sprache erhältlich.

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Frage: Erhalten Sie in Ihrer Eigenschaft als Mammut-Experte viele Anfragen von Laien und anderen Experten?

Antwort: Ja, täglich und aus aller Welt. Heutzutage geht das dank des Internet ja sehr schnell. Es ist einfach, Adressen zu bekommen, wo man Fragen stellen kann. Im Durchschnitt habe ich etwa 20 bis 30 Nachfragen pro Tag. Mammute haben fast überall in der nördlichen Hemisphäre gelebt und ihre Überreste werden tagtäglich gefunden. Man möchte fast immer wissen, was haben wir denn da!

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Die Fragen für das Interview stellte der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst
http://wissenschafts-news.blog.de und
http://mammut-zeitung.blogspot.com

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Buch von Dick Mol in Deutsch:

Dick Mol / Christian de Marliave / Bernard Buigues: Mammutsuche in Sibirien.
Roseni Verlag, ISBN 3981046927
http://www.amazon.de/Mammutsuche-Sibirien-Dick-Mol/dp/3981046927