Mittwoch, 28. November 2012

Nofretete, Echnaton und Amarna

Aus: epoc, 4/2012

Heidelberg. Vor genau 100 Jahren fanden deutsche Forscher die berühmte Büste im ägyptischen Tell el-Amarna – und brachten sie nach Berlin, wo die schöne Königin zum Publikumsmagneten wurde. Bei den Ägyptern sorgt dies seit Jahrzehnten schon für einigen Unmut. Das Bildnis solle endlich heimkehren, fordern sie bis heute.

Zum 100. Jahrestag ihrer Entdeckung rollt epoc, das Magazin für Archäologie, Geschichte und Kultur, die Geschichte der Schönen auf und beleuchtet ihren nicht weniger berühmten Gemahl Echnaton, der vor mehr als 3300 Jahren die alten Götter des Nillandes vom Thron stieß und Aton, die Sonne selbst, zum einzigen Gott Ägyptens erhob. Experten der Amarnazeit berichten aus ihren aktuellen Forschungen und schildern, wie der Pharao eine neue Glaubenslehre formulierte und seine Atonreligion in gewaltigen Tempeln, kolossalen Statuen und sogar einer neu errichteten Hauptstadt manifestierte.

Zum Hintergrund: Sie ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins: die bunte Büste der Nofretete. In die Reichshauptstadt gelangte die Schöne im Frühjahr 1913, wenige Monate nachdem Ludwig Borchardt sie in Amarna, Echnatons einstiger Residenzstadt, entdeckt hatte – und der ägyptische Antikendienst das Porträt als rechtmäßigen Fundanteil dem Grabungsleiter zugesprochen hatte. Doch seit ihrer Auffindung sorgte das Bildnis auch für Verstimmungen. Die schöne Königin soll in ihre Heimat zurückkehren, verlangen die Ägypter bis heute. Die in Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy nahm den schwelenden Zwist zum Anlass, Archive nach Dokumenten jener Zeit zu durchforsten. Das Fazit ihrer Arbeit: "Die Rechtmäßigkeit der Fundteilung steht außer Frage." Die Büste zurückzugeben, hält sie überdies für keine sinnvolle Option. "Viele Objekte, so wie die Büste der Nofretete auch, sind ein Teil der Identität des Orts geworden, an dem sie sich heute befinden." Viel wichtiger sei aber, dass solche Exponate für alle zugänglich sein müssen und die betreffenden Nationen gemeinsam die Verantwortung für die Kunstwerke übernehmen.

Als Borchardt die Büste fand, war nur wenig über Nofretete bekannt. Heute wissen Ägyptologen mehr, selbst wenn vieles noch im Dunkeln liegt. "Es ist jedoch auffällig, dass Nofretetes Erscheinen im offiziellen Bildprogramm weit über dasjenige ihrer Vorgängerinnen hinausging", betont der Ägyptologe Christian Bayer von der Universität Münster. Auf Reliefs in Amarna tritt die Königin fast schon obligatorisch neben dem Pharao auf: Beide beten etwa gemeinsam zu Aton, der Sonne. Manches Mal ist Nofretete aber auch ohne den König, nur mit einer ihrer sechs Töchter zu sehen.

Über den Sonnenkult des Aton, den Echnaton zu Beginn seiner Regentschaft einführte, haben Archäologen nicht nur in Amarna vieles in Erfahrung bringen können, sondern vor allem an der Kultstätte des alten Reichsgottes Amun in Karnak (Theben). Dort knüpfte Echnaton zunächst an die Bauprojekte seines Vaters Amenhotep III. an – und an die von ihm propagierte Vorstellung, der Pharao sei ein Sohn des Amun. "Damit gehörte Letzterer nun viel enger zur himmlischen Götterwelt als zuvor", so der Amarnaexperte Christian E. Loeben vom Museum August Kestner in Hannover. Der Vater war der Wegbereiter für die Glaubensrevolution seines Sohns, der später Namen und Darstellungen des Gottes Amun systematisch auslöschen ließ.<ü> Auch die Idee, auf großer Fläche eine neue Residenz und Tempel für Aton zu errichten, übernahm Echnaton vermutlich von Amenhotep III.: Dieser hatte in ganz Theben Sakralbauten und einen gewaltigen Palastkomplex anlegen lassen. Nach fünf Jahren auf dem Thron, zog Echnaton fort von Theben. Beim heutigen Tell el-Amarna gründete er Achet-Aton. Die Stadt bewohnten damals schätzungsweise 30.000 Menschen, doch Echnaton wollte nicht für sie eine neue Heimstatt schaffen oder von dort aus sein Reich verwalten, sondern Wege und Bauten waren allein für die Verehrung des Sonnengottes ausgerichtet.

Insbesondere die Tempel für Aton folgten einem völlig anderen Grundriss als die traditionellen ägyptischen Heiligtümer. Galt zuvor die Vorstellung, dass ein Gott in seinem Kultbild tief im geheimen Dunkel eines Tempels wohnte, konnte die Sonne mit ihren Strahlen überall hingelangen. Daher ließ Echnaton riesige Höfe bauen und füllte sie mit Altären. "Da jedermann den neuen Reichsgott täglich am Himmel erblickte, machte dies rituelle Handlungen an Kultbildern hinfällig", erläutert der französische Archäologe Robert Vergnieux in epoc. "Sie wurden teilweise durch den Alltag des Königs und seiner Familie ersetzt: Löschte Echnaton seinen Durst, entsprach das einem Trankopfer an Aton."

Das Herzstück von Echnatons Atonkult war jedoch der von ihm verfasste Sonnenhymnus. Darin preist der König die allumfassende Schöpfungskraft seines einzigen Gottes, der nicht nur Ägypten "mit seiner Liebe erfüllt", sondern auch alle Fremdländer mit seinen Strahlen erreicht. Echnaton markierte allerdings einen gewichtigen Unterschied zur Götterwelt vor der Amarnazeit: Nur durch ihn könnten die Menschen zu Aton durchdringen. "Diese radikale Einschränkung der Beziehung", so Christian Bayer, "das ist das Neue".

Nach 17 Jahren auf dem Pharaonenthron starb Echnaton – und mit ihm seine Glaubenslehre. Seine Nachfolger wandten sich Schritt für Schritt wieder den alten Göttern zu, ließen deren vernachlässigte Tempel erneuern und zerstörte Bildnisse restaurieren. Die Lehre von einem einzigen Gott, der alle anderen in sich vereint, und nur durch den Pharao angerufen werden konnte, deckte sich schlicht nicht mit den Vorstellungen der Ägypter. Spätestens unter dem jungen Pharao Tutanchamun war die Kehrtwende beschlossene Sache. Er verließ Achet-Aton und verhalf dem Heiligtum des