Freitag, 11. Januar 2008

Die Unstrut-Gruppe (1300/1200-800 v. Chr.)

Geschirr und Menschen als Opfergaben

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1996) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Zu den selbständigen Kulturen der Spätbronzezeit in Mitteldeutschland gehörte die nach dem gleichnamigen thüringischen Fluß benannte Unstrut-Gruppe. Sie ist aus der mittelbronzezeitlichen Hügelgräber-Kultur hervorgegangen und wurde dabei stark von der Urnenfelder-Kultur geprägt. Den Begriff Unstrut-Gruppe hat 1943 der damals am Landesmuseum Halle/Saale wirkende Prähistoriker Wilhelm Albert von Brunn (1911-1988) vorgeschlagen.
Manche Prähistoriker verwenden statt dessen den Namen Walterslebener Gruppe, der sich auf das Gräberfeld von Erfurt-Waltersleben in Thüringen bezieht. Von der Walterslebener Gruppe hat 1928 als erster der Studienrat und Altertumsforscher Ernst Lehmann (1893-1950) aus Erfurt gesprochen. Nicht durchzusetzen vermochten sich die etwas umständlich klingenden Bezeichnungen »Kultur des Friedhofes auf dem Erfurter Flughafen« und »Kultur der thüringischen Steinpackungsgräber«.
Die Unstrut-Gruppe war von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. im Bereich der Unstrut bis zum Südharz verbreitet. Ihr Kerngebiet lag im Thüringer Becken, wo sich der fruchtbare Lößboden gut für den Ackerbau eignete. Einige Fundorte befinden sich im Fuldaer Becken in Nordhessen. Die Unstrut-Gruppe hatte Kontakt zu benachbarten Kulturen und wurde von diesen mehr oder minder stark beeinflußt.
Im Südwesten Thüringens wirkte sich – nach Erkenntnissen des Jenaer Prähistorikers Karl Peschel – zunächst die westböhmisch-ostbayerische Urnenfelder-Kultur in wesentlicher Weise aus. Sie formte die Unstrut-Gruppe mit und prägte den am Oberlauf der Saale und der Weißen Elster heimischen Zweig der Lausitzer Kultur zur Osterländischen Gruppe, die sich schätzungsweise 250 Jahre lang behauptete.
Später gerieten der Westen und die Mitte Thüringens in den Einflußbereich der untermainisch-schwäbischen Gruppe der Urnenfelder-Kultur und schließlich von deren niederhessischer Randzone. Damals verschmolzen mitunter die Formen und Verzierungen der Keramik der Unstrut-Gruppe und der niederhessischen Urnenfelder-Kultur.
Im Nordosten Thüringens jenseits von Helme und Unstrut ging die Unstrut-Gruppe in die Helmsdorfer Gruppe über. Diese Gemeinschaft war im östlichen und nördlichen Harzvorland von Sachsen-Anhalt ansässig.
Obwohl sich die Menschen der Unstrut-Gruppe und der erwähnten Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur in Tracht und Kult unterschieden, vermischten sich beide in Ostthüringen. Zudem standen die Unstrut-Leute in Verbindung zur böhmischen Knovízer Kultur und praktizierten wie diese die Leichenzerstückelung.
Die Kleidung der Unstrut-Leute wurde mit Webstühlen angefertigt. Von einem solchen stammen 24 Webgewichte von 15 bis 18 Zentimeter Länge, die zusammen mit Keramikresten in einer Siedlungsgrube von Weimar-Belvedere geborgen wurden. Von der Kleidung selbst ist nur das Zubehör in Form bronzener Knöpfe mit rückwärtiger Öse sowie der Ei-, Rollenkopf-, Plattenkopf- und Vasennadeln, mit denen das Obergewand zusammengehalten wurde, erhalten.
Die bronzenen Rasiermesser der Unstrut-Gruppe haben teilweise einen kurzen, dreigeteilten Griff. In Kunitz (Stadt Jena) gelangte ein Rasiermesser aus Bronze nur halbiert ins Grab.
Reste von unbefestigten Siedlungen im Flachland wurden neben anderen in Erfurt-Nord und in Weimar-Belvedere entdeckt. Ihre Bewohner waren Ackerbauern und Viehzüchter.
In Erfurt-Nord kamen auf dem Gelände einer Kiesgrube Keller-, Abfall- und Feuergruben sowie Pfostenlöcher zum Vorschein. Die Abfallgruben enthielten Keramikreste, Speiseabfälle, Haustierknochen und Geräte. Ernst Lehmann hat 1929 diese Siedlungsrelikte irrtümlich der Knovízer Kultur zugerechnet, weil er darunter deren Keramik zu erkennen glaubte.
In Weimar-Belvedere konnten Gruben, Pfostenlöcher, Hüttenlehm, Webgewichte, Keramikreste, Tierknochen und eine bronzene Rollenkopfnadel ausgegraben werden. Die dortigen Keramikfragmente stammen von Terrinen, Doppelkoni, Eitöpfen, Tassen, Schalen und Vorratsgefäßen.
Auch auf Bergen haben unbefestigte Siedlungen der Unstrut-Gruppe gelegen. Das war auf dem Felsenberg bei Pößneck-Öpitz (Saale-Orla-Kreis) und auf dem Gleitsch bei Saalfeld (Kreis Saalfeld-Rudolfstadt) der Fall. In beiden Höhensiedlungen hielten sich Angehörige sowohl der Unstrut- als auch der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur auf.
Befestigte Höhensiedlungen sind von Menschen der Unstrut-Gruppe auf dem Alten Gleisberg (Mönchsberg) bei Graitschen (Saale-Holzland-Kreis), auf dem Jenzig bei Jena-Wenigenjena und auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda in Thüringen sowie auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut (Burgenlandkreis) in Sachsen-Anhalt errichtet worden. Die ebenfalls bei Jena liegende Befestigung auf dem Dohlenstein wurde nur von Leuten der erwähnten Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur bewohnt. Solche »Burgen« deuten auf unruhige Zeiten und kriegerische Auseinandersetzungen hin. Daneben werden sie aber auch als Handwerker- und Handelszentren betrachtet.
Die Höhensiedlung auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut war mit einem Graben und mit einem Wall befestigt. Diese Wallburg wurde durch die damals in Halle/Saale arbeitenden Prähistoriker Volker Töpfer (1908-1989) und Dietrich Mania untersucht.
Im thüringischen Ichtershausen (Ilm-Kreis) ist der Anbau der Getreidearten Einkorn (Triticum monococcum), Emmer (Triticum dicoccon) und mehrzeilige Gerste (Hordeum vulgare) sowie der Hülsenfrüchte Ackerbohne (Vicia faba) und Linse (Lens culinaris) nachgewiesen. Außerdem barg man dort Reste der eßbaren Ackerunkräuter Roggentrespe (Bromus secalinus) und Windenknöterich (Polygonum convolvulus). In Erfurt-Nord kamen Emmer, Gerste, Rispenhirse (Panicum miliaceum) und Leindotter (Camelina sativa) zum Vorschein. Aus Leindotter ließ sich Öl für technische und für Speisezwecke herstellen. Auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut sind Gerste und Emmer sowie Ackerbohne, Erbse (Pisum sativum) und Linse belegt.
Die Ackerbauern schnitten das reife Getreide meistens mit bronzenen Sicheln. Derartige Erntegeräte kamen mehrfach in großer Zahl in Depots vor. Allein zum Depot von Frankleben (Kreis Merseburg-Querfurt) gehören insgesamt 235 komplette Knopfsicheln und zwei Bruchstücke von solchen. Das Depot 1 von Braunsbedra (Kreis Merseburg-Querfurt) enthielt 84 bronzene Sicheln, das Depot von Schkopau (Kreis Merseburg-Querfurt) 36 Knopfsicheln und das Depot von Kretzschau-Groitzschen (Burgenlandkreis) in Sachsen-Anhalt etwa 50 Knopfsicheln.
Als typische Keramikformen der Unstrut-Gruppe gelten Schulterwulstamphoren, Terrinen mit Warzenbuckeln, konische Schalen, Teller mit Turban- und gezipfeltem Rand sowie Tassen und Näpfe. Die Tongefäße sind mit Warzenbuckeln, Rillen, senkrechten oder steilschrägen Riefen, Ringabrollungen, Einstichen und Kerbreihen verziert.
Tönerne Formen für den Guß von Ringen wurden in Pößneck-Schlettwein (Saale-Orla-Kreis) gefunden, wo Hinterlassenschaften der Unstrut-Gruppe zusammen mit Relikten der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur geborgen werden konnten. Die Gußformen kamen zusammen mit massiven rundstabigen Hals-, Arm- und Beinringen zum Vorschein.
Zum Formenspektrum der bronzenen Werkzeuge gehörten Knopf- und Zungensicheln, Lappen- und Tüllenbeile sowie Messer und Sägen. Zwei Bruchstücke einer Säge mit einem Loch am Ende hat man vor 1880 in Burgholzhausen (Burgenlandkreis) entdeckt. Aus Hirschgeweih angefertigte Geweihhämmer liegen aus Jena-Wöllnitz (ein Exemplar) und Erfurt-Melchendorf (zwei Exemplare) vor. An letzterem Fundort wurden des weiteren zwei Knochenpfrieme und die durchbohrte Klinge einer Steinaxt mit fünfeckigem Umriß geborgen.
Die Männer der Unstrut-Gruppe waren vor allem mit Lanzen bewaffnet, daneben aber auch mit Pfeil und Bogen sowie merklich seltener mit importierten bronzenen Schwertern.
Die hölzernen Pfeilschäfte wurden sowohl mit knöchernen als auch mit bronzenen Pfeilspitzen bewehrt. Knöcherne Pfeilspitzen hat man in Jena-Wöllnitz und Pößneck-Öpitz (Saale-Orla-Kreis) gefunden.
Das in Bothenheilingen (Unstrut-Hainich-Kreis) entdeckte Depot eines Händlers umfaßte sechs Schwerter. Davon sind zwei Möriger Schwerter (80,1 und 64,8 Zentimeter lang), zwei Auvernier-Schwerter (84,5 und 73,1 Zentimeter) und zwei Antennenschwerter (84,1 und 65,2 Zentimeter). Die Möriger und Auvernier-Schwerter wurden nach Funden aus Seeufersiedlungen in der Schweiz benannt.
Die Bergung eines weiteren Depots importierter Schwerter gelang im thüringischen Kehmstedt (Kreis Nordhausen). Es bestand aus sieben Schwertern und einer Lanzenspitze, alle mit der Spitze in dieselbe Richtung weisend. Das längste Schwert mißt 76 Zentimeter. Dieses Waffendepot lag frei im Boden und wird als Weihegabe an eine höhere Macht interpretiert.
Zum in den 1870er Jahren aufgefundenen Altmetalldepot von Schmiedehausen (Kreis Weimarer Land) gehörte sogar die beschädigte rechte Wangenklappe eines bronzenen Helmes. Sie hat zwei Löcher am oberen und eines am unteren Ende. Verziert ist sie mit zwei den Rand begleitenden Perlbuckelreihen.
Von Menschen der Unstrut-Gruppe sind manchmal metallene Gefäße importiert worden. Besonders eindrucksvoll belegt dies das Depot von Braunsbedra (Kreis Merseburg-Querfurt) mit sieben Bronzetassen vom Typ Fuchsstadt, zwei Bronzetassen mit Sternmuster vom Typ Osternienburg-Dresden und einer Schöpfkelle.
Im Depot von Pößneck-Schlettwein fanden sich unter anderem drei getriebene Bronzetassen. Eine davon entspricht dem Typ Fuchsstadt, dem eine andere gleicht, während die dritte dem Typ Jenisovice-Kirkendrup zugerechnet wird.
Zu den bronzenen Schmuckstücken der Unstrut-Gruppe zählen neben den bereits erwähnten Nadeln auch Hakenspiralen, gedrehte Halsringe, Schmuckscheiben (Phaleren) und dünne Ringe. In den Körpergräbern von Erfurt-Melchendorf kamen häufig als Haar- und Ohrschmuck angefertigte Gehänge aus ineinandergefügten kleinen Draht- und Blechringen zum Vorschein.
Außer metallenen Schmuckstücken trug man auch Muschelschmuck (Dreitzsch, Saale-Orla-Kreis, Erfurt-Melchendorf, Münchenroda, Stadt Jena). Die durchbohrte Muschelschale aus Erfurt-Melchendorf stammt von der heimischen Teichmuschel (Anodonta cygnea).
Die oft paarweise gefundenen Hakenspiralen – je eine größere und eine kleinere – dienten wohl zum Zusammenhalten des Gewandes. Ebenfalls nicht geklärt ist die Trageweise der dünnen Ringe von Erfurt-Steiger und Erfurt-Flughafen. Sie könnten als Kopfschmuck in der Ohrgegend, ein- oder beidseitig im Haar oder an einem Band getragen worden sein. Möglicherweise hingen sie auch an durchbohrten Ohrläppchen, wie auf späteren tönernen Gesichtsurnen zu sehen ist.
Aus der Gegend von Großbrembach (Kreis Sömmerda) in Thüringen kennt man einen Fahrweg jener Zeit. Darauf hinterließ ein Wagen mit einem Radabstand von einem Meter eine 25 Meter lange Spur.
Im Verbreitungsgebiet der Unstrut-Gruppe waren Körperbeerdigungen in Steinkisten und Steinpackungsgräbern sowie Brandbestattungen üblich. Die Steinpackungen lagen in Flach- oder Hügelgräbern. Das Hügelgräberfeld von Auleben (Kreis Nordhausen) umfaßte mehr als 200 Grabhügel, von denen die meisten in die jüngere Bronzezeit gehören. Bei Brandbestattungen diente des öfteren eine tönerne Terrine als Behältnis für den Leichenbrand.
Männer wurden häufig zusammen mit ihrer Lanze auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von der Waffe blieb nur die bronzene Spitze erhalten, die man zusammen mit einer Nadel und einem Armring ins Grab legte. Frauen dagegen sind mehrfach mit zwei verzierten bronzenen Hakenspiralen und einer Nadel ausgestattet worden. Sowohl in Körper- als auch in Brandgräbern fanden Tongefäße als Beigaben Verwendung. Ein Brandgrab von Erfurt-Melchendorf enthielt 13 Beigefäße, die auf dem ausgestreuten Leichenbrand standen.
Als bisher größtes Gräberfeld der Unstrut-Gruppe gilt der Friedhof von Erfurt-Melchendorf, Fundstelle Wiesenhügel III, mit 79 untersuchten Gräbern. Davon waren
58 Körper- und 21 Brandgräber mit und ohne Steinschutz. Ursprünglich sollen dort nach Schätzungen des Ausgräbers Bernd W. Bahn aus Weimar etwa 150 bis 200 Beisetzungen vorgenommen worden sein.
Die Umrisse der Steinpackungsgräber mit Körperbestattungen von Erfurt-Melchendorf sind in der Mehrzahl langrechteckig, oval oder rhombisch. Unter ihnen befanden sich muldenförmige Grabgruben. Auf diesem Friedhof wurden auffallend viele Kinder bestattet. Einmal hat man eine Mutter zusammen mit ihrem Kind beerdigt.
Das Gräberfeld von Erfurt-Waltersleben, nach dem die eingangs erwähnte Walterslebener Gruppe bezeichnet ist, lag auf dem Flurstück Toter Mann. Dort sind schon 1881 die ersten Steinkistengräber und Gräber mit losem Steinschutz untersucht worden. Zwischen 1881 und 1901 kamen dort insgesamt 13 Gräber zum Vorschein.
Der Friedhof auf dem früheren Flughafen in Erfurt-Nord umfaßte 46 überwiegend aus Kalkstein errichtete Grabanlagen. Auf ihn war man 1926 bei Planierungsarbeiten für den Flughafen am Südabhang des Roten Berges gestoßen. Die Gräber wurden von dem Altertumsforscher Ernst Lehmann untersucht.
In einem Grab aus jener Zeit bei Altengottern (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen konnten Spuren von Grabräubern ermittelt werden. Die Frevler hatten einen Schacht zum Grab vorgetrieben, um dort wertvolle metallene Beigaben zu stehlen. Dabei zerstörten sie teilweise Skelette und warfen Grabbeigaben durcheinander. Bei Altengottern ist möglicherweise der erste direkt nachgewiesene Beraubungsschacht aus der Urnenfelder-Zeit entdeckt worden.
Zum Kult der Unstrut-Gruppe gehörten Geschirropfer, aus menschlichen Unterkiefern angefertigte Amulette, Menschenopfer und vermutlich auch rituell motivierter Kannibalismus.
Als Geschirropfer werden die Keramikreste in einer
1,20 Meter tiefen Grube mit einem Durchmesser von 1,50 Metern von Dreitzsch (Saale-Orla-Kreis) gedeutet. Dieser Fundort war sowohl von Angehörigen der Unstrut- als auch der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur besiedelt worden.
In Jena-Wöllnitz wurde ein aus einem menschlichen Unterkiefer angefertigtes Amulett gefunden. Es ist mit einem eingeritzten Radkreuz verziert, das vielleicht ein Sonnensymbol darstellte.
Einzelne im Siedlungsabfall von Erfurt-Nord vorhandene menschliche Knochen oder Knochenteile mit Schlag- und Brandspuren gelten als Zeugnisse kannibalischer Bräuche. Sie wurden zusammen mit verkohltem Getreide entdeckt und – wie erwähnt – fälschlicherweise der Knovízer Kultur zugeordnet.
Relikte kannibalischer Rituale lagen auch in zwei Siedlungsgruben der Altenburg bei Nebra/Unstrut in Sachsen-Anhalt. Zu dieser Auffassung gelangte der damals in Halle/Saale arbeitende Prähistoriker Dietrich Mania nach der Untersuchung der dortigen Funde.
In einer Grube fanden sich die Skelettreste eines Menschen, dem der Kopf abgetrennt sowie die Arme und Beine bis auf Stümpfe abgeschnitten oder abgeschlagen worden waren. Wie Brandspuren belegen, sind der vermutlich ausgeweidete Torso, der Schädel und die Schultergürtelteile gebraten worden. Den erhitzten Schädel hat man geöffnet, um das Gehirn zu entnehmen, und das so zubereitete Opfer offenbar verzehrt. Anschließend hat man die noch im Skelettverband befindlichen Reste bestattet.
In einer anderen Grube der Altenburg wurde ein vereinzeltes Schädelstück mit verkohlten Bruchrändern ausgegraben. Auch dieser zusammen mit großen Mengen gerösteten Getreides und Hülsenfrüchten geborgene Fund stammt wahrscheinlich nicht von einer regulären Bestattung.
Auf rituellen Kannibalismus lassen außerdem je ein »zerrupftes« Skelett bei Collenbey nahe Schkopau (Kreis Merseburg-Querfurt) und von Schkortleben (Kreis Weißenfels) schließen.
Bei Collenbey sind mehrere Gruben aufgedeckt worden, in denen sich eine große Anzahl von Scherben, Tierknochen, darunter zwei größtenteils erhaltene Rinderskelette, sowie Knochenreste von vier Erwachsenen und zwei Kindern fanden. Entweder sind diese Menschen unter Beigabe der Scherben und Tierknochen in den Gruben bestattet oder in diese zusammen mit Abfall geworfen worden. Letzteres hielt Ernst Lehmann für wahrscheinlicher. Er meinte, es handle sich um Leichen von Sklaven oder anderen Personen niedrigen Standes.
Unfaßliches spielte sich von der mittleren bis zur späten Bronzezeit/frühen Eisenzeit (etwa 1600 bis 800 v. Chr.) vor und in manchen Höhlen des Kyffhäusers nahe Bad Frankenhausen (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen ab. Dort wurden unter freiem Himmel und in Höhlen makabre Rituale abgehalten, bei denen man Tier- und Menschenfleisch verzehrte.
Von diesen Vorgängen zeugen in der Höhle 1 aufgeschlagene Menschenknochen mit Schnitt- und Feuerspuren. Dabei handelte es sich vor allem um Skelettfragmente von Jugendlichen und Kindern, die zusammen mit Tierresten in die Höhle geworfen wurden.
Im Spalt der Höhle 9 lagen Schweine-, Ferkel-, Ziegen-, Rinderknochen, Menschenwirbel sowie Reste von Fackeln, die wahrscheinlich in die Kluft hinabgeschleudert worden waren. Der Boden der von der Höhle 4 aus erreichbaren Höhle 9 war mit vertrocknetem Gras und Moos gepolstert. Zum Fundgut gehören Gürtel aus Rinde, Spanschachteln, ein Holzbrett, auf dem Fleisch geschnitten wurde, Fladenbrot, Fackelreste, Schnüre aus Menschenhaaren und ein Menschenschädel. Nach Ansicht des Ausgräbers Günter Behm-Blancke (1912-1994) aus Weimar haben dort Frauen eine Kultversammlung abgehalten und Opfergaben dargebracht.
Der Spalt der Höhle 10 enthielt Speisereste, Tier- und verstreute Menschenknochen. Die Knochenschichten waren teilweise mit Steinen bedeckt, die man vermutlich nach dem Mahl und der Versenkung in den Spalt der Höhle geworfen hatte.
Eine genaue kulturelle Zuordnung der Funde in den Kyffhäuserhöhlen bei Bad Frankenhausen zu einer Bevölkerungsgruppe ist bisher nicht möglich. Fest steht aber, daß es sich um einen über viele Jahrhunderte in bestimmten Abständen genutzten, überregionalen, heiligen Platz handelte, wo ganz unterschiedliche Rituale abgehalten wurden. Der Schwerpunkt lag sicherlich in der späten Bronzezeit.


Geschirr und Menschen als Opfergaben
Die Unstrut-Gruppe (1300/1200-800 v. Chr.)

Zu den selbständigen Kulturen der Spätbronzezeit in Mitteldeutschland gehörte die nach dem gleichnamigen thüringischen Fluß benannte Unstrut-Gruppe. Sie ist aus der mittelbronzezeitlichen Hügelgräber-Kultur hervorgegangen und wurde dabei stark von der Urnenfelder-Kultur geprägt. Den Begriff Unstrut-Gruppe hat 1943 der damals am Landesmuseum Halle/Saale wirkende Prähistoriker Wilhelm Albert von Brunn (1911-1988) vorgeschlagen.
Manche Prähistoriker verwenden statt dessen den Namen Walterslebener Gruppe, der sich auf das Gräberfeld von Erfurt-Waltersleben in Thüringen bezieht. Von der Walterslebener Gruppe hat 1928 als erster der Studienrat und Altertumsforscher Ernst Lehmann (1893-1950) aus Erfurt gesprochen. Nicht durchzusetzen vermochten sich die etwas umständlich klingenden Bezeichnungen »Kultur des Friedhofes auf dem Erfurter Flughafen« und »Kultur der thüringischen Steinpackungsgräber«.
Die Unstrut-Gruppe war von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. im Bereich der Unstrut bis zum Südharz verbreitet. Ihr Kerngebiet lag im Thüringer Becken, wo sich der fruchtbare Lößboden gut für den Ackerbau eignete. Einige Fundorte befinden sich im Fuldaer Becken in Nordhessen. Die Unstrut-Gruppe hatte Kontakt zu benachbarten Kulturen und wurde von diesen mehr oder minder stark beeinflußt.
Im Südwesten Thüringens wirkte sich – nach Erkenntnissen des Jenaer Prähistorikers Karl Peschel – zunächst die westböhmisch-ostbayerische Urnenfelder-Kultur in wesentlicher Weise aus. Sie formte die Unstrut-Gruppe mit und prägte den am Oberlauf der Saale und der Weißen Elster heimischen Zweig der Lausitzer Kultur zur Osterländischen Gruppe, die sich schätzungsweise 250 Jahre lang behauptete.
Später gerieten der Westen und die Mitte Thüringens in den Einflußbereich der untermainisch-schwäbischen Gruppe der Urnenfelder-Kultur und schließlich von deren niederhessischer Randzone. Damals verschmolzen mitunter die Formen und Verzierungen der Keramik der Unstrut-Gruppe und der niederhessischen Urnenfelder-Kultur.
Im Nordosten Thüringens jenseits von Helme und Unstrut ging die Unstrut-Gruppe in die Helmsdorfer Gruppe über. Diese Gemeinschaft war im östlichen und nördlichen Harzvorland von Sachsen-Anhalt ansässig.
Obwohl sich die Menschen der Unstrut-Gruppe und der erwähnten Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur in Tracht und Kult unterschieden, vermischten sich beide in Ostthüringen. Zudem standen die Unstrut-Leute in Verbindung zur böhmischen Knovízer Kultur und praktizierten wie diese die Leichenzerstückelung.
Die Kleidung der Unstrut-Leute wurde mit Webstühlen angefertigt. Von einem solchen stammen 24 Webgewichte von 15 bis 18 Zentimeter Länge, die zusammen mit Keramikresten in einer Siedlungsgrube von Weimar-Belvedere geborgen wurden. Von der Kleidung selbst ist nur das Zubehör in Form bronzener Knöpfe mit rückwärtiger Öse sowie der Ei-, Rollenkopf-, Plattenkopf- und Vasennadeln, mit denen das Obergewand zusammengehalten wurde, erhalten.
Die bronzenen Rasiermesser der Unstrut-Gruppe haben teilweise einen kurzen, dreigeteilten Griff. In Kunitz (Stadt Jena) gelangte ein Rasiermesser aus Bronze nur halbiert ins Grab.
Reste von unbefestigten Siedlungen im Flachland wurden neben anderen in Erfurt-Nord und in Weimar-Belvedere entdeckt. Ihre Bewohner waren Ackerbauern und Viehzüchter.
In Erfurt-Nord kamen auf dem Gelände einer Kiesgrube Keller-, Abfall- und Feuergruben sowie Pfostenlöcher zum Vorschein. Die Abfallgruben enthielten Keramikreste, Speiseabfälle, Haustierknochen und Geräte. Ernst Lehmann hat 1929 diese Siedlungsrelikte irrtümlich der Knovízer Kultur zugerechnet, weil er darunter deren Keramik zu erkennen glaubte.
In Weimar-Belvedere konnten Gruben, Pfostenlöcher, Hüttenlehm, Webgewichte, Keramikreste, Tierknochen und eine bronzene Rollenkopfnadel ausgegraben werden. Die dortigen Keramikfragmente stammen von Terrinen, Doppelkoni, Eitöpfen, Tassen, Schalen und Vorratsgefäßen.
Auch auf Bergen haben unbefestigte Siedlungen der Unstrut-Gruppe gelegen. Das war auf dem Felsenberg bei Pößneck-Öpitz (Saale-Orla-Kreis) und auf dem Gleitsch bei Saalfeld (Kreis Saalfeld-Rudolfstadt) der Fall. In beiden Höhensiedlungen hielten sich Angehörige sowohl der Unstrut- als auch der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur auf.
Befestigte Höhensiedlungen sind von Menschen der Unstrut-Gruppe auf dem Alten Gleisberg (Mönchsberg) bei Graitschen (Saale-Holzland-Kreis), auf dem Jenzig bei Jena-Wenigenjena und auf dem Johannisberg bei Jena-Lobeda in Thüringen sowie auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut (Burgenlandkreis) in Sachsen-Anhalt errichtet worden. Die ebenfalls bei Jena liegende Befestigung auf dem Dohlenstein wurde nur von Leuten der erwähnten Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur bewohnt. Solche »Burgen« deuten auf unruhige Zeiten und kriegerische Auseinandersetzungen hin. Daneben werden sie aber auch als Handwerker- und Handelszentren betrachtet.
Die Höhensiedlung auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut war mit einem Graben und mit einem Wall befestigt. Diese Wallburg wurde durch die damals in Halle/Saale arbeitenden Prähistoriker Volker Töpfer (1908-1989) und Dietrich Mania untersucht.
Im thüringischen Ichtershausen (Ilm-Kreis) ist der Anbau der Getreidearten Einkorn (Triticum monococcum), Emmer (Triticum dicoccon) und mehrzeilige Gerste (Hordeum vulgare) sowie der Hülsenfrüchte Ackerbohne (Vicia faba) und Linse (Lens culinaris) nachgewiesen. Außerdem barg man dort Reste der eßbaren Ackerunkräuter Roggentrespe (Bromus secalinus) und Windenknöterich (Polygonum convolvulus). In Erfurt-Nord kamen Emmer, Gerste, Rispenhirse (Panicum miliaceum) und Leindotter (Camelina sativa) zum Vorschein. Aus Leindotter ließ sich Öl für technische und für Speisezwecke herstellen. Auf der Altenburg bei Nebra/Unstrut sind Gerste und Emmer sowie Ackerbohne, Erbse (Pisum sativum) und Linse belegt.
Die Ackerbauern schnitten das reife Getreide meistens mit bronzenen Sicheln. Derartige Erntegeräte kamen mehrfach in großer Zahl in Depots vor. Allein zum Depot von Frankleben (Kreis Merseburg-Querfurt) gehören insgesamt 235 komplette Knopfsicheln und zwei Bruchstücke von solchen. Das Depot 1 von Braunsbedra (Kreis Merseburg-Querfurt) enthielt 84 bronzene Sicheln, das Depot von Schkopau (Kreis Merseburg-Querfurt) 36 Knopfsicheln und das Depot von Kretzschau-Groitzschen (Burgenlandkreis) in Sachsen-Anhalt etwa 50 Knopfsicheln.
Als typische Keramikformen der Unstrut-Gruppe gelten Schulterwulstamphoren, Terrinen mit Warzenbuckeln, konische Schalen, Teller mit Turban- und gezipfeltem Rand sowie Tassen und Näpfe. Die Tongefäße sind mit Warzenbuckeln, Rillen, senkrechten oder steilschrägen Riefen, Ringabrollungen, Einstichen und Kerbreihen verziert.
Tönerne Formen für den Guß von Ringen wurden in Pößneck-Schlettwein (Saale-Orla-Kreis) gefunden, wo Hinterlassenschaften der Unstrut-Gruppe zusammen mit Relikten der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur geborgen werden konnten. Die Gußformen kamen zusammen mit massiven rundstabigen Hals-, Arm- und Beinringen zum Vorschein.
Zum Formenspektrum der bronzenen Werkzeuge gehörten Knopf- und Zungensicheln, Lappen- und Tüllenbeile sowie Messer und Sägen. Zwei Bruchstücke einer Säge mit einem Loch am Ende hat man vor 1880 in Burgholzhausen (Burgenlandkreis) entdeckt. Aus Hirschgeweih angefertigte Geweihhämmer liegen aus Jena-Wöllnitz (ein Exemplar) und Erfurt-Melchendorf (zwei Exemplare) vor. An letzterem Fundort wurden des weiteren zwei Knochenpfrieme und die durchbohrte Klinge einer Steinaxt mit fünfeckigem Umriß geborgen.
Die Männer der Unstrut-Gruppe waren vor allem mit Lanzen bewaffnet, daneben aber auch mit Pfeil und Bogen sowie merklich seltener mit importierten bronzenen Schwertern.
Die hölzernen Pfeilschäfte wurden sowohl mit knöchernen als auch mit bronzenen Pfeilspitzen bewehrt. Knöcherne Pfeilspitzen hat man in Jena-Wöllnitz und Pößneck-Öpitz (Saale-Orla-Kreis) gefunden.
Das in Bothenheilingen (Unstrut-Hainich-Kreis) entdeckte Depot eines Händlers umfaßte sechs Schwerter. Davon sind zwei Möriger Schwerter (80,1 und 64,8 Zentimeter lang), zwei Auvernier-Schwerter (84,5 und 73,1 Zentimeter) und zwei Antennenschwerter (84,1 und 65,2 Zentimeter). Die Möriger und Auvernier-Schwerter wurden nach Funden aus Seeufersiedlungen in der Schweiz benannt.
Die Bergung eines weiteren Depots importierter Schwerter gelang im thüringischen Kehmstedt (Kreis Nordhausen). Es bestand aus sieben Schwertern und einer Lanzenspitze, alle mit der Spitze in dieselbe Richtung weisend. Das längste Schwert mißt 76 Zentimeter. Dieses Waffendepot lag frei im Boden und wird als Weihegabe an eine höhere Macht interpretiert.
Zum in den 1870er Jahren aufgefundenen Altmetalldepot von Schmiedehausen (Kreis Weimarer Land) gehörte sogar die beschädigte rechte Wangenklappe eines bronzenen Helmes. Sie hat zwei Löcher am oberen und eines am unteren Ende. Verziert ist sie mit zwei den Rand begleitenden Perlbuckelreihen.
Von Menschen der Unstrut-Gruppe sind manchmal metallene Gefäße importiert worden. Besonders eindrucksvoll belegt dies das Depot von Braunsbedra (Kreis Merseburg-Querfurt) mit sieben Bronzetassen vom Typ Fuchsstadt, zwei Bronzetassen mit Sternmuster vom Typ Osternienburg-Dresden und einer Schöpfkelle.
Im Depot von Pößneck-Schlettwein fanden sich unter anderem drei getriebene Bronzetassen. Eine davon entspricht dem Typ Fuchsstadt, dem eine andere gleicht, während die dritte dem Typ Jenisovice-Kirkendrup zugerechnet wird.
Zu den bronzenen Schmuckstücken der Unstrut-Gruppe zählen neben den bereits erwähnten Nadeln auch Hakenspiralen, gedrehte Halsringe, Schmuckscheiben (Phaleren) und dünne Ringe. In den Körpergräbern von Erfurt-Melchendorf kamen häufig als Haar- und Ohrschmuck angefertigte Gehänge aus ineinandergefügten kleinen Draht- und Blechringen zum Vorschein.
Außer metallenen Schmuckstücken trug man auch Muschelschmuck (Dreitzsch, Saale-Orla-Kreis, Erfurt-Melchendorf, Münchenroda, Stadt Jena). Die durchbohrte Muschelschale aus Erfurt-Melchendorf stammt von der heimischen Teichmuschel (Anodonta cygnea).
Die oft paarweise gefundenen Hakenspiralen – je eine größere und eine kleinere – dienten wohl zum Zusammenhalten des Gewandes. Ebenfalls nicht geklärt ist die Trageweise der dünnen Ringe von Erfurt-Steiger und Erfurt-Flughafen. Sie könnten als Kopfschmuck in der Ohrgegend, ein- oder beidseitig im Haar oder an einem Band getragen worden sein. Möglicherweise hingen sie auch an durchbohrten Ohrläppchen, wie auf späteren tönernen Gesichtsurnen zu sehen ist.
Aus der Gegend von Großbrembach (Kreis Sömmerda) in Thüringen kennt man einen Fahrweg jener Zeit. Darauf hinterließ ein Wagen mit einem Radabstand von einem Meter eine 25 Meter lange Spur.
Im Verbreitungsgebiet der Unstrut-Gruppe waren Körperbeerdigungen in Steinkisten und Steinpackungsgräbern sowie Brandbestattungen üblich. Die Steinpackungen lagen in Flach- oder Hügelgräbern. Das Hügelgräberfeld von Auleben (Kreis Nordhausen) umfaßte mehr als 200 Grabhügel, von denen die meisten in die jüngere Bronzezeit gehören. Bei Brandbestattungen diente des öfteren eine tönerne Terrine als Behältnis für den Leichenbrand.
Männer wurden häufig zusammen mit ihrer Lanze auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von der Waffe blieb nur die bronzene Spitze erhalten, die man zusammen mit einer Nadel und einem Armring ins Grab legte. Frauen dagegen sind mehrfach mit zwei verzierten bronzenen Hakenspiralen und einer Nadel ausgestattet worden. Sowohl in Körper- als auch in Brandgräbern fanden Tongefäße als Beigaben Verwendung. Ein Brandgrab von Erfurt-Melchendorf enthielt 13 Beigefäße, die auf dem ausgestreuten Leichenbrand standen.
Als bisher größtes Gräberfeld der Unstrut-Gruppe gilt der Friedhof von Erfurt-Melchendorf, Fundstelle Wiesenhügel III, mit 79 untersuchten Gräbern. Davon waren
58 Körper- und 21 Brandgräber mit und ohne Steinschutz. Ursprünglich sollen dort nach Schätzungen des Ausgräbers Bernd W. Bahn aus Weimar etwa 150 bis 200 Beisetzungen vorgenommen worden sein.
Die Umrisse der Steinpackungsgräber mit Körperbestattungen von Erfurt-Melchendorf sind in der Mehrzahl langrechteckig, oval oder rhombisch. Unter ihnen befanden sich muldenförmige Grabgruben. Auf diesem Friedhof wurden auffallend viele Kinder bestattet. Einmal hat man eine Mutter zusammen mit ihrem Kind beerdigt.
Das Gräberfeld von Erfurt-Waltersleben, nach dem die eingangs erwähnte Walterslebener Gruppe bezeichnet ist, lag auf dem Flurstück Toter Mann. Dort sind schon 1881 die ersten Steinkistengräber und Gräber mit losem Steinschutz untersucht worden. Zwischen 1881 und 1901 kamen dort insgesamt 13 Gräber zum Vorschein.
Der Friedhof auf dem früheren Flughafen in Erfurt-Nord umfaßte 46 überwiegend aus Kalkstein errichtete Grabanlagen. Auf ihn war man 1926 bei Planierungsarbeiten für den Flughafen am Südabhang des Roten Berges gestoßen. Die Gräber wurden von dem Altertumsforscher Ernst Lehmann untersucht.
In einem Grab aus jener Zeit bei Altengottern (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen konnten Spuren von Grabräubern ermittelt werden. Die Frevler hatten einen Schacht zum Grab vorgetrieben, um dort wertvolle metallene Beigaben zu stehlen. Dabei zerstörten sie teilweise Skelette und warfen Grabbeigaben durcheinander. Bei Altengottern ist möglicherweise der erste direkt nachgewiesene Beraubungsschacht aus der Urnenfelder-Zeit entdeckt worden.
Zum Kult der Unstrut-Gruppe gehörten Geschirropfer, aus menschlichen Unterkiefern angefertigte Amulette, Menschenopfer und vermutlich auch rituell motivierter Kannibalismus.
Als Geschirropfer werden die Keramikreste in einer
1,20 Meter tiefen Grube mit einem Durchmesser von 1,50 Metern von Dreitzsch (Saale-Orla-Kreis) gedeutet. Dieser Fundort war sowohl von Angehörigen der Unstrut- als auch der Osterländischen Gruppe der Lausitzer Kultur besiedelt worden.
In Jena-Wöllnitz wurde ein aus einem menschlichen Unterkiefer angefertigtes Amulett gefunden. Es ist mit einem eingeritzten Radkreuz verziert, das vielleicht ein Sonnensymbol darstellte.
Einzelne im Siedlungsabfall von Erfurt-Nord vorhandene menschliche Knochen oder Knochenteile mit Schlag- und Brandspuren gelten als Zeugnisse kannibalischer Bräuche. Sie wurden zusammen mit verkohltem Getreide entdeckt und – wie erwähnt – fälschlicherweise der Knovízer Kultur zugeordnet.
Relikte kannibalischer Rituale lagen auch in zwei Siedlungsgruben der Altenburg bei Nebra/Unstrut in Sachsen-Anhalt. Zu dieser Auffassung gelangte der damals in Halle/Saale arbeitende Prähistoriker Dietrich Mania nach der Untersuchung der dortigen Funde.
In einer Grube fanden sich die Skelettreste eines Menschen, dem der Kopf abgetrennt sowie die Arme und Beine bis auf Stümpfe abgeschnitten oder abgeschlagen worden waren. Wie Brandspuren belegen, sind der vermutlich ausgeweidete Torso, der Schädel und die Schultergürtelteile gebraten worden. Den erhitzten Schädel hat man geöffnet, um das Gehirn zu entnehmen, und das so zubereitete Opfer offenbar verzehrt. Anschließend hat man die noch im Skelettverband befindlichen Reste bestattet.
In einer anderen Grube der Altenburg wurde ein vereinzeltes Schädelstück mit verkohlten Bruchrändern ausgegraben. Auch dieser zusammen mit großen Mengen gerösteten Getreides und Hülsenfrüchten geborgene Fund stammt wahrscheinlich nicht von einer regulären Bestattung.
Auf rituellen Kannibalismus lassen außerdem je ein »zerrupftes« Skelett bei Collenbey nahe Schkopau (Kreis Merseburg-Querfurt) und von Schkortleben (Kreis Weißenfels) schließen.
Bei Collenbey sind mehrere Gruben aufgedeckt worden, in denen sich eine große Anzahl von Scherben, Tierknochen, darunter zwei größtenteils erhaltene Rinderskelette, sowie Knochenreste von vier Erwachsenen und zwei Kindern fanden. Entweder sind diese Menschen unter Beigabe der Scherben und Tierknochen in den Gruben bestattet oder in diese zusammen mit Abfall geworfen worden. Letzteres hielt Ernst Lehmann für wahrscheinlicher. Er meinte, es handle sich um Leichen von Sklaven oder anderen Personen niedrigen Standes.
Unfaßliches spielte sich von der mittleren bis zur späten Bronzezeit/frühen Eisenzeit (etwa 1600 bis 800 v. Chr.) vor und in manchen Höhlen des Kyffhäusers nahe Bad Frankenhausen (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen ab. Dort wurden unter freiem Himmel und in Höhlen makabre Rituale abgehalten, bei denen man Tier- und Menschenfleisch verzehrte.
Von diesen Vorgängen zeugen in der Höhle 1 aufgeschlagene Menschenknochen mit Schnitt- und Feuerspuren. Dabei handelte es sich vor allem um Skelettfragmente von Jugendlichen und Kindern, die zusammen mit Tierresten in die Höhle geworfen wurden.
Im Spalt der Höhle 9 lagen Schweine-, Ferkel-, Ziegen-, Rinderknochen, Menschenwirbel sowie Reste von Fackeln, die wahrscheinlich in die Kluft hinabgeschleudert worden waren. Der Boden der von der Höhle 4 aus erreichbaren Höhle 9 war mit vertrocknetem Gras und Moos gepolstert. Zum Fundgut gehören Gürtel aus Rinde, Spanschachteln, ein Holzbrett, auf dem Fleisch geschnitten wurde, Fladenbrot, Fackelreste, Schnüre aus Menschenhaaren und ein Menschenschädel. Nach Ansicht des Ausgräbers Günter Behm-Blancke (1912-1994) aus Weimar haben dort Frauen eine Kultversammlung abgehalten und Opfergaben dargebracht.
Der Spalt der Höhle 10 enthielt Speisereste, Tier- und verstreute Menschenknochen. Die Knochenschichten waren teilweise mit Steinen bedeckt, die man vermutlich nach dem Mahl und der Versenkung in den Spalt der Höhle geworfen hatte.
Eine genaue kulturelle Zuordnung der Funde in den Kyffhäuserhöhlen bei Bad Frankenhausen zu einer Bevölkerungsgruppe ist bisher nicht möglich. Fest steht aber, daß es sich um einen über viele Jahrhunderte in bestimmten Abständen genutzten, überregionalen, heiligen Platz handelte, wo ganz unterschiedliche Rituale abgehalten wurden. Der Schwerpunkt lag sicherlich in der späten Bronzezeit.

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