Freitag, 11. Januar 2008

Die Saalemündungs-Gruppe (etwa 1300/1200-800 v. Chr.)

Die bemalten Steinkisten

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1996) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Zu beiden Seiten der unteren Saale in Sachsen-Anhalt breitete sich von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. der Lebensraum der Saalemündungs-Gruppe aus, die vor allem im Köthen/Bernburger Land konzentriert war. Diese Gemeinschaft konnte jenseits der Elbe nur geringfügig Fuß fassen. Die Bezeichnung »Saalemündungs-Gruppe« wurde 1935 von dem damals am Landesmuseum Halle/Saale arbeitenden Prähistoriker Hellmut Agde (1909-1940) vorgeschlagen.
Nachbarn der Saalemündungs-Gruppe waren im Süden die Helmsdorfer Gruppe, im Westen die Lüneburger Gruppe, im Norden die Elb-Havel-Gruppe der nordischen jüngeren Bronzezeit und im Osten die Spindlersfelder Gruppe der Lausitzer Kultur. Mit Angehörigen dieser, aber auch anderer Gemeinschaften hatten die Menschen der Saalemündungs-Gruppe Kontakt und betrieben sie Tauschgeschäfte.
Bei Untersuchungen der menschlichen Leichenbrände aus Steinkistengräbern der Saalemündungs-Gruppe haben Anthropologen eine auffällig hohe Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen festgestellt. Mitunter kamen auf zehn nichterwachsene nur drei erwachsene Tote.
Der Stoff für die Kleidung aus Leinen oder Schafwolle wurde auf Webstühlen angefertigt. Reste eines etwa drei Meter breiten Webstuhles von unbekannter Höhe kamen in der Siedlung von Wallwitz1 (Kreis Jerichower Land) unweit von Magdeburg zum Vorschein. Dabei handelte es sich um Pfostenlöcher der Holzkonstruktion des Webstuhles und um tönerne Webgewichte in einer Siedlungsgrube.
Mit dem Wallwitzer Webstuhl ließen sich – wie die Aufreihung der Webgewichte ergab – Stoffbahnen von etwa zwei Meter Breite herstellen. Dieses Gerät wurde durch einem Brand zerstört. Beim Verbrennen der Kettfäden fielen die tönernen Webgewichte lotgerecht auf einer Länge von 2,45 Metern in die Grube.
Die pyramidenförmigen Webgewichte aus Wallwitz sind etwa 16 bis 18 Zentimeter lang und im oberen Drittel durchbohrt, damit die Kettfäden befestigt werden konnten. Die
an mehreren Löchern durch Kettfäden entstandenen Scheuer- und Schleifspuren belegen einen längeren Gebrauch der Webgewichte.
Häufig wurden die Siedlungen neben einem Bach oder Fluß angelegt. Meistens blieben davon nur noch runde Vorratsgruben erhalten. Es gab unbefestigte sowie mit Graben und Wall gesicherte Siedlungen.
Die unbefestigte Siedlung von Wallwitz umfaßte 16 Häuser. Ein Bronzedepot in einem dieser Gebäude wird von dem Ausgräber Heribert Stahlhofen aus Halle/Saale als Opfer- oder Weihegabe gedeutet. Dabei könnte es sich nach seiner – nicht unumstrittenen – Ansicht um ein Bauopfer handeln, das man vollbrachte, um für die Bewohner des Hauses Glück und Segen zu erbitten.
Die Kombination des Bronzedepots mit Schmuck (Armring, Spiralplattenfibel), Waffe (Lanzenspitze) und Arbeitsgerät (Sichelfragment), die sich sowohl aus weiblichen als auch aus männlichen Besitzanteilen zusammensetzt, könnte ein Hinweis für eine gemeinsame Opfergabe der Hausbewohner sein. Aber auch ein Handwerkerdepot ist nicht ganz auszuschließen, weil von der Sichel ein Stück abgetrennt und anderweitig verwendet wurde. Ungefähr
200 Meter vom Fundort dieses Depots entfernt hatte man einzige Jahrzehnte zuvor ein weiteres Depot entdeckt, das zwei bronzene Armbergen oder Beinringe enthielt.
Wie groß die Häuser jener Zeit waren, belegt ein Fund aus Wulfen im Kreis Köthen. Der dort freigelegte Grundriß eines Pfostenhauses ist etwa 14 Meter lang und fünf Meter breit.
Anhand eines Tierknochens aus einem der Steinkistengräber von Altenburg (Kreis Bernburg) konnte die Haltung von Schafen nachgewiesen werden. Daß man auch Pferde als Haustiere besaß, beweisen Funde aus Halle/Saale-Kanena und Wallwitz (Kreis Jerichower Land). Der vom Rumpf getrennte Pferdekopf aus Halle-Kanena wurde von dem Prähistoriker Walther Schultz (1887-1982) aus Halle/Saale als Opfergabe gedeutet.
Die Tongefäße der Saalemündungs-Gruppe sind häufig geglättet und poliert. Anders als die hellen, lederbraunen Tongefäße der Lausitzer Kultur haben diejenigen der Saalemündungs-Gruppe meistens eine dunkelgraubraune oder dunkelgraue bis schwärzliche Farbe. Zur Keramik gehörten Zylinderhalsterrinen, Trichterschalen, Doppelkoni, zweihenkelige Amphoren, Tassen, Kannen, Vorratsgefäße, Tonteller, Schalen mit Radkreuzmuster innen und außen sowie Sauggefäße.
Die Sauggefäße zum Füttern von Kleinkindern waren teilweise in Gestalt eines Stieres modelliert worden. Derartige Objekte wurden in Gräbern von Aschersleben und Staßfurt-Leopoldshall (beide Kreis Aschersleben-Staßfurt) geborgen. Sie haben jeweils einen schlanken, zitronenförmigen Körper. Das Sauggefäß von Aschersleben ist mit einem Standboden, das von Staßfurt-Leopoldshall dagegen mit vier Füßen versehen.
Von den Saalemündungs-Leuten wurden auch Tongefäße anderer Kulturen importiert. So stammen eine Schale mit vor dem Brand eingesetzten Bronzenieten aus Dessau-Großkühnau von der süddeutschen Urnenfelder-Kultur, ein Doppelgefäß aus Wulfen (Kreis Köthen) von der böhmischen Knovízer Kultur und ein Pokal aus Osternienburg (Kreis Köthen) von der Lausitzer Kultur.
Fraglich ist der Verwendungszweck eines 15,6 Zentimeter langen Tonhorns aus Calbe/Saale (Kreis Schönebeck), das einem Pferdekopf ähnelt. Weil an der kleinen Öffnung dieses Objekts Grünspanreste mit Kupfer haften und es großer Hitze ausgesetzt war, wird es als Blasebalgdüse gedeutet, deren kleinere Öffnung ins Innere des Schmelzofens reichte. Ein ähnliches Exemplar aus Hrádek bei Kramolín in Mähren enthält ein Stück Kupfer an der Innenwandung.
Zu den bronzenen Werkzeugen gehörten Knopfsicheln, Absatz- und Lappenbeile sowie bronzene Sägen. Neben bronzenen Werkzeugen gab es zudem solche aus Gestein. In ei-nem Steinkistengrab von Großwirschleben (Kreis Bernburg) lag die fragmentarisch erhaltene Klinge eines Beiles aus Felsgestein.
Aus Schadeleben (Kreis Aschersleben-Staßfurt) liegt ein bronzenes Hängebecken vor. Es ist neun Zentimeter hoch, hat einen Durchmesser von 21,2 Zentimetern und wurde zusammen mit einer Plattenfibel gefunden.
Auch die Angehörigen der Saalemündungs-Gruppe haben manchmal metallene Gefäße eingetauscht. Als derartige Importware gilt die Bronzetasse von Osternienburg (Kreis Köthen). Sie ist auf dem Boden mit einem sechszackigen Sternmuster verziert.
Als seltener Fund gilt das stark beschädigte Goldgefäß aus Krottorf (Bördekreis). Es ist sechs Zentimeter hoch, hat einen Durchmesser von 13 Zentimetern und wiegt 68,7 Gramm.
Im Umkreis von Halle/Saale wurden viele tönerne Geräte geborgen, die zur Salzherstellung dienten. Dabei handelt es sich um Stützen, die über den Feuerstellen mit Salz gefüllte Tonwannen trugen. In den Wannen hat man das für Tauschgeschäfte bestimmte Salz getrocknet, geformt und gehärtet. Eine Salzsiedersiedlung lag auch am ehemaligen Salzigen See bei Erdeborn (Kreis Mansfelder Land).
Pferde dienten als Reit-, Zug- und Opfertiere. Zwei Stücke einer bronzenen Pferdetrense wurden in Calbe/Saale (Kreis Schönebeck) gefunden. Eines davon ist
15,5 Zentimeter lang und wiegt 150 Gramm, das andere ist 16 Zentimeter lang und 127 Gramm schwer. Beide Teile sind mit Ösen versehen.
Ein Fund aus Altenburg (Kreis Bernburg) veranschaulicht, daß auch manche Kinder Schmuck trugen. Die Urne mit dem Leichenbrand eines Kindes enthielt drei kleine Ringe aus Bronzedraht.
Sogar Goldschmuck konnte man sich im Gebiet der Saalemündungs-Gruppe leisten. Aus Neuendorf am Damm/Karritz (Altmarkkreis Salzwedel) kennt man eine bronzene Schmuckdose, die zwei goldene Ringe in Form von Drahtspiralen enthielt. In Spergau (Kreis Merseburg-Querfurt) wurden ein Tongefäß mit einem goldenen Noppenring aus Doppeldraht und eine verbogene Golddrahtspirale von Fingerformat geborgen.
Über die Kunst der Saalemündungs-Gruppe ist nichts bekannt. Der in einem Grab gefundene, 70 Zentimeter lange, 25 Zentimeter breite und zehn Zentimeter dicke Bildstein von Pfützthal (Saalkreis) in Sachsen-Anhalt dürfte schon in der Jungsteinzeit entstanden und nur als Baumaterial wiederverwendet worden sein. Dieser Bildstein ist mit einem auf dem Kopf stehenden, langgezogenen T, das wohl eine menschliche Nase darstellen soll, verziert. Darunter befindet sich ein waagrechter Strich, der vermutlich den Mund symbolisiert. Es folgen vier halbkreisförmige Linien, die Halsschmuck andeuten, und auf der Mitte der Platte zwei Reihen ineinanderliegender Winkel.
In der älteren Phase der Saalemündungs-Gruppe (Periode IV) erfolgten die Brandbestattungen in Steinkisten oder in Steinpackungsgräbern. Sie lagen in Gruppen von drei bis zu fünf Gräbern zusammen. Der Leichenbrand von meistens einem, manchmal aber auch von zwei Toten wurde jeweils in eine große Zylinderhalsterrine geschüttet und ins Grab gestellt.
Dagegen nahm man in der jüngeren Phase (Periode V) die Brandbestattungen ausschließlich in Steinkisten vor, die zuweilen mehrere kleine Tongefäße mit dem Leichenbrand von zwei bis fünf Menschen aufnahmen. Die jeweils in den Steinkisten beerdigten Menschen sind wohl nicht alle zur gleichen Zeit verstorben. Es handelte sich auch nicht um Grablegen von vollständigen Familien, sondern lediglich bestimmter Familienangehöriger.
Zu den als Urnen benutzten Zylinderhalsterrinen und Tassen wurden manchmal leere oder mit Speisen gefüllte Tongefäße als Grabbeigaben gestellt. Hierfür fanden Becher, Näpfe, Schalen, Tassen und Terrinen Verwendung.
Bedeutenden Toten dürften die im Inneren bemalten Steinkisten vorbehalten gewesen sein. Im der 1913 entdeckten Steinkiste am Galgenberg bei Großwirschleben (Kreis Bernburg) waren die Wände und die Decke im Inneren der Grabkammer von Resten einer weißen mit feinem Sand vermischten Tonschicht bedeckt. Die Wände hatte man mit waagrechten farbigen Steifen geschmückt. An der Nordwand folgten auf einen schwarzen Streifen von fünf Zentimeter Breite fünf unregelmäßige rote Streifen von zwei bis 3,5 Zentimeter Breite, die von vier Millimeter breiten Streifen der weißgrauen Tonschicht unterbrochen waren.
Mehrere bemalte Steinkisten kamen 1853 oder 1854 bei der Abtragung des »Langen Berges«, eines von zwei Grabhügeln bei Baalberge (Kreis Bernburg), ans Tageslicht. Die meisten davon sollen im Inneren rot bemalt gewesen sein. Eines dieser Gräber war angeblich von oben nach unten in weißer, schwarzer und roter Farbe gehalten.
Zum Kult der Saalemündungs-Gruppe gehörten Speiseopfer, Schädelbestattungen, Menschenopfer und rituell motivierter Kannibalismus. Solche Praktiken waren damals auch in anderen Kulturen jener Zeit bekannt.
Speiseopfer hat man in überaus sorgfältig hergestellten und verzierten Tongefäßen dargebracht. Eine derartige Weihegabe kennt man beispielsweise von Aken im Kreis Köthen.
Vereinzelte Beisetzungen menschlicher Schädel lassen sich am ehesten kultisch deuten. Vielleicht betrachtete man den Kopf als wichtigsten Teil des Toten und hat ihn deswegen in manchen Fällen besonders behandelt. Eine Schädelbestattung wurde in Klebs (Kreis Jerichower Land) entdeckt.

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