Donnerstag, 10. Januar 2008

Die ältere Niederrheinische Grabhügel-Kultur (etwa 1200-750 v. Chr.)

Orakelsteine und Kreisgräben

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1996) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Nordrhein-Westfalen gehörte während der Spätbronzezeit von etwa 1200 bis 750 v. Chr. nur teilweise zum riesigen Verbreitungsgebiet der Urnenfelder-Kultur. In Nordrhein-Westfalen existierten damals drei regionale Gruppen. Davon gilt lediglich diejenige in der Niederrheinischen Bucht als Ableger der südlich benachbarten Urnenfelder-Kultur im Neuwieder Becken, das bereits in Rheinland-Pfalz liegt. Denn die Funde aus beiden Gegenden sind sich sehr ähnlich.
Im Niederrheinischen Tiefland, im südlichen Holland sowie in den belgischen Provinzen Antwerpen und Limburg behauptete sich in der Spätbronzezeit die ältere Niederrheinische Grabhügel-Kultur. Sie wird von manchen Autoren auch als nordwestliche Randgruppe der im südlichen Mitteleuropa heimischen Urnenfelder-Kultur bezeichnet. Die jüngere Niederrheinische Grabhügel-Kultur fällt bereits in die frühe Eisenzeit.
In den rechtsrheinischen Gebieten, im nördlichen Holland und in der Westfälischen Bucht unterschied sich die Gruppe der westfälisch-nordostniederländischen Kreisgrabenfriedhöfe deutlich von der Urnenfelder-Kultur. Diese Gruppe hatte offenbar mehr Kontakte mit Nordwestdeutschland und mit dem westeuropäischen Raum. Typisch für ihre teilweise sehr großen Gräberfelder sind schlüssellochförmige Gräben, Kreis- und Langgräben sowie Langbetten mit Pfostenstellungen.

Die Urnenfelder-Kultur
in der Niederrheinischen Bucht

Zu Beginn der späten Bronzezeit herrschten in der Niederrheinischen Bucht zwischen Bonn und Aachen noch Verhältnisse wie zuvor in der älteren Bronzezeit Nordrhein-Westfalens. Die Verstorbenen wurden weiterhin unverbrannt beerdigt und über ihren Gräbern Erdhügel aufgeschüttet.
Gegen Ende der Stufe Hallstatt A und verstärkt ab der Stufe Hallstatt B wurde das fruchtbare Lößgebiet am südlichen Niederrhein von aus dem Neuwieder Becken vorstoßenden Urnenfelder-Leuten besiedelt oder zumindest stark beeinflußt. Ab dieser Zeit kam in der Niederrheinischen Bucht die Sitte der Brandbestattung auf. Die Toten wurden verbrannt, ihre Reste in tönerne Urnen mit Deckel gelegt und in Gruben beerdigt.
Zu Beginn der Stufe Hallstatt B entstand in der nördlich anschließenden, weniger fruchtbaren Sandlandschaft der Niederrheinischen Bucht die sogenannte Kerbschnitt-Gruppe. Deren Angehörige stellten Tongefäße mit Kerbschnittverzierung her. Auch im Gebiet der Kerbschnitt-Gruppe setzte sich die Brandbestattung durch. Anders als im südlichen Lößgebiet schloß man hier die Graburnen jedoch nicht mit einem Deckel.
Am Niederrhein ging die weitere Entwicklung nahtlos in die Stufe Hallstatt C über, die bereits der frühen Eisenzeit entspricht. Im Gegensatz dazu bildete sich am Mittelrhein in einer Spätphase der Urnenfelder-Kultur die nach dem Gräberfeld von Laufeld (Kreis Bernkastel-Wittlich) in Rheinland-Pfalz benannte Laufelder Gruppe. Deren Menschen kolonisierten auch das Bergland und stießen nach Norden bis in die Köln-Bonner Bucht vor.

Die ältere Niederrheinische
Grabhügel-Kultur

Der Verbreitungsbereich der älteren Niederrheinischen Grabhügel-Kultur erstreckte sich ungefähr von der Schelde im Westen über Nordbrabant, das Maasgebiet und den Niederrhein bis nach Westfalen im Osten. Der Begriff »Niederrheinische Grabhügel-Kultur« wurde 1936 von dem damals am Landesmuseum Bonn wirkenden Prähistoriker Walter Kersten (1908-1944) geprägt.
Am Fundplatz Weisweiler 143 (Kreis Euskirchen) gab es schätzungsweise 200 Jahre lang immer wieder eine spätbronzezeitliche Siedlung mit zwei oder drei Höfen, zu denen jeweils drei Gebäude gehörten. Einer der Höfe von Weisweiler 14 umfaßte drei Gebäude, von denen eines mit sechs Pfosten und die beiden anderen mit vier Pfosten errichtet worden waren. Im Südosten befand sich eine Lehmentnahmegrube, im Nordwesten lagen zwei Speichergruben.
Die spätbronzezeitlichen Höfe und Siedlungen am Niederrhein sind viel lockerer angelegt als jene der jüngeren Eisenzeit. Außerdem gehörten zu den älteren Siedlungen mehr Lehmentnahme- und Speichergruben als zu den jüngeren. Vielleicht ging man allmählich dazu über, Vorräte eher in Gebäuden als in Gruben aufzubewahren, meint die Prähistorikerin Angela Simons aus Düren.
Im Gebiet der älteren Niederrheinischen Grabhügel-Kultur sind bisher nur wenige größere Gebäudegrundrisse entdeckt worden. Selbst die geräumigsten sechspfostigen Bauten boten lediglich eine Wohnfläche von zwölf bis 15 Quadratmetern. Möglicherweise hatten sie zwei Stockwerke.
Im Gegensatz zu gleichzeitigen Kulturen in Süd-, Mittel- und Norddeutschland kennt man bisher von der Niederrheinischen Grabhügel-Kultur noch keine mit Graben und Wall befestigten Siedlungen. Derartige »Burgen« sind am Niederrhein erst vereinzelt aus der nachfolgenden Eisenzeit nachgewiesen.
Daß man Wert auf Körperpflege legte, beweisen Toilettegeräte aus Gräbern. Zwei Gräber von Gladbeck (Kreis Recklinghausen) enthielten bronzene Rasiermesser zum Schneiden von Bart- und Kopfhaaren. In einem anderen Grab von Gladbeck lag eine bronzene Pinzette zum Auszupfen störender Haare. Ein Rasiermesser kam in einem Grab von Vettweiß (Kreis Düren) zum Vorschein, eine Pinzette im Gräberfeld bei Rhede (Kreis Borken).
Die Menschen der älteren Niederrheinischen Grabhügel-Kultur sind wohl Ackerbauern und Viehzüchter gewesen. Auf Getreideanbau deuten Brotreste im Gräberfeld bei Rhede hin, die der Berner Brotforscher Max Währen identifizierte.
Sicherlich beherrschte man den Guß von bronzenen Werkzeugen, Waffen und Schmuckstücken. Das erwähnte Rasiermesser von Vettweiß beispielsweise war in einer zweiteiligen Schalenform gegossen worden. Außer Rasiermessern und Pinzetten kennt man auch ein bronzenes Vollgriffmesser aus Petershagen-Hävern (Kreis Minden-Lübbecke), das offenbar nicht als Werkzeug diente.
Unter den Grabbeigaben des Friedhofes bei Rhede befanden sich neben anderem die Reste zweier bronzener Armspiralen, ein Fingerring und Reste kleiner Bronzespiralen. Sie müssen nach Meinung des Ausgräbers zu einem größeren Körperschmuck gehört haben.
Friedhöfe aus der Zeit der älteren Niederrheinischen Grabhügel-Kultur wurden außer in der Winkelhauser Heide bei Rhede auch in Gladbeck-Ellinghorst, Herne-Baukau, Recklinghausen-Röllinghausen, Bocholt und Marbeck entdeckt.
Das Gräberfeld bei Rhede umfaßte insgesamt etwa 180 Brandbestattungen, davon 41 in tönernen Urnen. Bei den restlichen Beisetzungen konnte kein Behältnis ausgegraben werden, sondern der Leichenbrand wurde auf dem Grund von Gruben in Knochennestern vorgefunden. Doch lag der Leichenbrand so dicht, daß eine Urne aus organischem Material angenommen werden darf. Dreimal wurde über den Leichenbrand eine Deckschüssel gestülpt.
Die Gräber bei Rhede sind mit Gräben verschiedener Form umgeben. Davon waren 99 ganz oder teilweise erhalten. Es handelte sich um 93 kreisförmige und ovale sowie um sechs Langgräben. Die kreisförmigen und ovalen Aushübe
haben einen Durchmesser von einem bis 15 Metern. In jeder Anlage hatte man nur eine Brandbestattung vorgenommen. Einige der Gräber gehören bereits in die frühe Eisenzeit.
Mehrfach hat man bei Rhede zum Leichenbrand kleine Tongefäße mit Kerbschnittverzierung als Beigaben für den Toten gestellt. Sie enthielten vermutlich Speisen. Nach Ansicht des Krefelder Prähistorikers Christoph Reichmann sind die Speisebeigaben nicht als Wegzehrung für den Toten gedacht gewesen. Die Beigefäße wurden mehrfach während der Beisetzung zerschlagen und ihre Scherben in die Grabgrube oder in den Graben ringsum geschüttet. Metallbeigaben waren eher selten.
Christoph Reichmann glaubt, daß der Tote nicht mit seinem Besitz oder mit einer für sein jenseitiges Leben gedachten Ausstattung versehen wurde. Statt dessen ließ man ihm nur seine Tracht und gewisse rituelle Beigaben. Wahrscheinlich spielten auch bestimmte Toilettegeräte zur Körperpflege wie Pinzetten und Rasiermesser eine Rolle im Grabkult.
Spuren von Bronzeoxid an zahlreichen Knochen der Leichenbrände aus dem Friedhof bei Rhede verraten, daß Metallteile der Tracht und anderer Beigaben mit dem Toten im Feuer gelegen hatten. Doch nach dem Verbrennen der Leiche hat man das Metall meistens nicht aus dem Scheiterhaufen gesammelt und mit in die Gräber gegeben. Vielleicht galten die Bronzeobjekte als zu wertvoll, um vergraben zu werden.
Zwei Gräber von Erwachsenen bei Rhede enthielten kleine Sammlungen von Steinen mit ungewöhnlicher Form. In einem Grab lagen 13 Steine, davon ähnelte einer einem Pferdefuß und einer den Umrissen einer Mondsichel. Ein Bergkristall war absichtlich zerschlagen. Im zweiten Grab kamen vier Steine zum Vorschein, von denen einer einem Pferdekopf, einer einem Fischmaul und ein dritter einem Schälchen glich. Ein fünfter Stein fand sich außerhalb der Grabgrube und des Kreisgrabens unter einem leeren Tongefäß.
Christoph Reichmann hält es für möglich, daß diesen seltsamen Objekten eine magische Bedeutung zugeschrieben wurde. Denkbar wäre zum Beispiel, daß sie als Orakelsteine zur Zukunftsvoraussage dienten.
Im Gräberfeld von Gladbeck-Ellinghorst (Kreis Recklinghausen) hat man schätzungsweise mehr als 400 Brandbestattungen vorgenommen. Erst 201 davon wurden bei einer Teiluntersuchung festgestellt. Es handelte sich überwiegend um Urnengräber, aber auch um Knochenlager und Brandschüttungsgräber. Bisher konnten sieben Gefäßfundpunkte, zwei Kreisgräben und ein Schlüssellochgraben ermittelt werden.
Auch im Gräberfeld von Recklinghausen-Röllinghausen wurde erst ein kleiner Ausschnitt genauer erforscht. Dabei kamen 46 Brandbestattungen (Urnengräber, Knochenlager, Brandschüttungsgräber), fünf Gefäß- oder Scherbendeponierungen, vier Holzkohlekonzentrationen, drei Langgräben und sechs Kreisgräben zum Vorschein.
Die Langgräben wiesen unterschiedliche Abmessungen auf. Langgraben I war 33,50 Meter lang, fünf Meter breit sowie 0,60 Meter bis 1,15 Meter tief. Langgraben II erreichte 13,50 Meter Länge. Der trapezförmige Langgraben III war 20,50 Meter beziehungsweise 8,50 Meter lang und 0,60 bis 1,10 Meter breit. Die Kreisgräben hatten einen Durchmesser von bis zu maximal zehn Metern.
Lediglich ein kleiner Abschnitt ist bisher auch im Gräberfeld von Herne-Baukau ausgegraben worden. Dabei erkannte man 49 Brandbestattungen (Urnengräber, Knochenlager, Brandschüttungsgräber) der Spätbronzezeit und zwei Kreisgräben. Einer davon hatte einen Durchmesser von 6,50 Metern. Der Graben war oben einen Meter breit, unten 0,25 Meter breit und einen Meter tief. Der andere Kreisgraben erreichte einen Durchmesser von zwölf Metern, er war 0,70 Meter breit und einen Meter tief. Die Brandbestattungen wurden in Gruben mit einem Durchmesser von 0,50 bis 1,10 Metern sowie von 0,60 bis 0,80 Meter Tiefe vorgenommen. Eine der Urnen von diesem Friedhof besaß ein sogenanntes »Seelenloch«.
Bei den Bestattungen spielten die Schlüsselloch- und Langgräben sowie Gefäßdeponierungen, Feuer und Urnen mit »Seelenlöchern« eine unbekannte Rolle. Das Feuer wird durch Holzkohlekonzentrationen belegt.

Die Spätbronzezeit
in Westfalen

Die Grenze zwischen der älteren Niederrheinischen Grabhügel-Kultur und der Gruppe der westfälisch-nordostniederländischen Kreisgrabenfriedhöfe lag vermutlich im Osten des Kreises Borken. Dort bildete nach Ansicht des Krefelder Prähistorikers Christoph Reichmann ein breiter Moor- und Venngürtel eine natürliche Barriere zwischen diesen beiden Kulturgruppen. So gehörte der erwähnte Friedhof bei Rhede noch zu ersten Gruppe, der benachbarte von Heiden – ebenfalls im Kreis Borken liegend – dagegen bereits zur zweiten.
Aufgrund der Untersuchungen von Leichenbränden aus dem Kreisgrabenfriedhof bei Telgte-Raestrup (Kreis Warendorf) weiß man, daß die Lebenserwartung der dort bestatteten Menschen gering war. Die meisten männlichen Erwachsenen starben – nach den Erkenntnissen des Göttinger Anthropologen Bernd Herrmann – bereits im Alter von
25 bis 35 Jahren, die Frauen sogar noch früher. Die Männer und Frauen hatten einen grazilen Körperbau und wurden lediglich 1,60 bis 1,65 Meter groß. An ihren Knochenresten ließen sich Krankheiten im Gebiß- und Rumpfbereich erkennen.
Von der ehemaligen Kleidung blieben nur die bronzenen Gewandnadeln in Form von Scheibenkopf- und Vasenkopfnadeln übrig. Mit einer Scheibenkopfnadel wurde das Gewand eines Mannes in Saerbeck (Kreis Steinfurt) zusammengehalten. Vasenkopfnadeln hat man in Westfalen so häufig in Brandgräbern gefunden, daß es sich hier um ein heimisches Erzeugnis handeln könnte.
Jeweils ein bronzenes Rasiermesser kam aus zwei Männergräbern von Saerbeck zum Vorschein. In einem davon fand sich zusätzlich eine Pinzette, die schon einmal auseinandergebrochen und durch Verbundguß repariert worden ist. Im Grab eines etwa 40 Jahre alten Mannes von Nordrheda (Kreis Gütersloh) lag ein Rasiermesser ohne Gebrauchsspuren. Dieses Exemplar entspricht einem Typ der Urnenfelder-Kultur am Mittelrhein. Dagegen repräsentiert eines der Rasiermesser von Saerbeck einen Typ der nordischen jüngeren Bronzezeit.
Neben derartigen Rasiermessern und Pinzetten liegt aus Petershagen-Hävern (Kreis Minden-Lübbecke) ein zierliches bronzenes Vollgriffmesser vor, das vermutlich nicht als Werkzeug gedacht war. Ähnliche Objekte bilden in Westfalen und Niedersachsen eine kleine, besondere Gruppe, die sich von den Messern südlicher Herkunft deutlich absetzt.
In Telgte-Wöste (Kreis Warendorf) wurden Relikte eines kleinen Gehöftes aus der Spätbronzezeit freigelegt. Dabei handelte es sich um ein dreischiffiges Haus mit
16 Meter Länge und sechs Meter Breite sowie um einen quadratischen Speichergrundriß. Der Fundort liegt heute mehr als einen Kilometer von der Ems entfernt in einer Gegend, in der kein fließendes Gewässer existiert. Man hat auch keinen Brunnen gefunden. Wahrscheinlich hat es dort aber während der Spätbronzezeit einen Bachlauf gegeben.
Aus Telgte-Raestrup sind Reste eines Gehöftes der Übergangsphase zwischen Spätbronzezeit und früher Eisenzeit bekannt. Dazu gehörten die Grundrisse von einem dreischiffigen Haus mit den Maßen 22 mal 4,50 Meter, von einem kleinen dreischiffigen Bau mit zehn Meter Länge und vier Meter Breite sowie vier 6- oder 4-Pfostensetzungen. Der 35 mal 27 Meter große Hofplatz war umzäunt. Sowohl in Telgte-Raestrup als auch in Telgte-Wöste sind außerdem älterbronzezeitliche Hausgrundrisse entdeckt worden.
Ackerbau aus jener Zeit wird indirekt durch Abdrücke von Getreidekörnern auf damaligen Tongefäßen belegt. Aus Hamm ist je ein Abdruck von Einkorn (Triticum monococcum) und Gerste (Hordeum vulgare) sowie aus Nordheringen (Kreis Hamm) einer von Gerste bekannt.
Brotreste in Knochenlagern oder Urnen aus Kreisgrabenfriedhöfen geben einen Hinweis auf die damalige Nahrung.
Derartige Überbleibsel wurden von dem Berner Brotforscher Max Währen in Telgte-Raestrup (Kreis Warendorf), Rheine-Mesum (Kreis Steinfurt) und Heek (Kreis Borken) identifiziert. Bei einer zusammen mit einem Mann in Telgte bestatteten Frau hatte sich infolge gewohnheitsmäßigen Hockens auf den Fersen beim Mahlen von Getreidekörnern am unteren Ende des Schienbeins die sogenannte Hockerfacette herausgebildet.
Neben Schmuck aus Bronze gab es manchmal auch solchen aus Bernstein. Dieses rasch brennbare fossile Harz hat nur selten das Feuer des Scheiterhaufens heil überstanden. Der von der Nordsee- oder Ostseeküste stammende Bernstein wurde im Tauschhandel erworben.
Bei den 135 ausgegrabenen Bestattungen des Gräberfeldes bei Telgte-Raestrup konnten lediglich in zwei Gräbern insgesamt vier Bernsteinstücke geborgen werden. Die in einer Urne liegenden zwei länglichen Schieber und eine Perle werden von dem Prähistoriker Klemens Wilhelmi aus Hannover als Teile eines Schmuckgehänges gedeutet, zu dem vermutlich auch drei bronzene Röllchen gehören, die aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen den durchlochten Schiebern hingen. Das Schmuckensemble – sozusagen ein Bernstein-Bronze-Pektorale beziehungsweise Collier – zierte wohl die Brust oder den Hals einer jungen Schwangeren.
In einem Grab von Gladbeck fanden sich zwei Bernsteinperlen, von denen eine vollständig und die andere nur bruchstückhaft erhalten war. Die komplette Perle hat einen Durchmesser von zwei Zentimetern und ist in der Mitte eng durchbohrt, damit sie aufgefädelt werden konnte.
Die Menschen der Spätbronzezeit in Westfalen importierten mancherlei Waren aus dem Gebiet des Nordischen Kreises in Schleswig-Holstein, aus Niedersachsen, von der Lausitzer Kultur aus Mitteldeutschland und von der Urnenfelder-Kultur in Süddeutschland. Auf weitreichende Tauschgeschäfte deuten vor allem Bronzegegenstände fremder Herkunft hin.
Als Importware gilt die im 8. Jahrhundert v. Chr. hergestellte Bronzeamphore von Olsberg-Gevelinghausen (Hochsauerlandkreis) in Nordrhein-Westfalen. Die mit mehr als 10 000 Punzeinschlägen verzierte Amphore wird als das schönste Bronzegefäß Deutschlands betrachtet. Darin befand sich der Leichenbrand einer im 6. oder 5. Jahrhundert gestorbenen, etwa 25 bis 35 Jahre alten Frau. Das Metallgefäß ist auf dem Unterteil mit einer Vogelsonnenbarke und auf dem Oberteil mit einer Vogelbarke ausgeschmückt. Ähnliche Darstellungen der Vogelsonnenbarke kennt man auf Eimern aus Hajdúböszörmény in Ungarn und auf Amphoren von Vejo (Provinz Rom) und Rivoli (Provinz Verona) in Italien.
Wie zuvor hat man in Westfalen auch in der Spätbronzezeit über Gräbern einen Hügel aufgeschüttet, obwohl nun die Toten verbrannt wurden. Der Brauch, Gräber mit einem Graben zu umgeben, wurde ebenfalls beibehalten. Neu dagegen war im Flachland Westfalens der Graben mit schlüssellochförmigem Umriß. Hierbei handelt es sich jeweils um einen Kreisgraben, der meistens im Osten durch einen trapezförmigen Vorhof (auch »Schlüsselbart« genannt) erweitert wurde. Innerhalb des Kreises lag der Grabhügel, während der Vorhof nicht überhügelt war. Im Vorhof sind vermutlich Zeremonien zu Ehren des Toten abgehalten worden.
Größere Friedhöfe mit Schlüssellochgräben sind beispielsweise aus Heiden (Kreis Borken), Neuwarendorf (Stadt Warendorf), Telgte-Raestrup (Kreis Warendorf), Petershagen-Lahde (Kreis Minden-Lübbecke) und Nordrheda (Kreis Gütersloh) bekannt.
Das Brandgräberfeld von Neuwarendorf wurde beiderseits eines Weges angelegt, der durch einen etwa neun Meter breiten belegungsfreien Streifen markiert wird. Zu diesem Friedhof gehörten etwa 250 Brandbestattungen der Spätbronze- und der Früheisenzeit. Etwa 130 Gräber waren als Langbetten angelegt worden oder mit einem Schlüssellochgraben umgeben. Manche der Langbetten von Neuwarendorf hatte man mit Pfosten umstellt, wie man es auch von Gasteren in Holland kennt, und hatten einen Vorhof.
Ein weiteres großes Gräberfeld aus dieser Zeit ist aus Löhne-Obernbeck (Kreis Herford) in Ostwestfalen bekannt. Es umfaßte 80 Gräber, worin unter anderem ein doppelschneidiges Rasiermesser aus Süddeutschland geborgen werden konnte.
Zum Gräberfeld von Nordrheda gehörten 45 Gräber von der frühen über die späte Bronzezeit bis in die frühe vorrömische Eisenzeit. In die späte Bronzezeit werden elf Kreisgräben, 23 Schlüssellochgräben und einige Bestattungen ohne besondere Einhegung datiert. Eine große tönerne Urne auf diesem Friedhof enthielt den Leichenbrand einer etwa 25jährigen Frau und ihres Säuglings. Diesem hatte man zwei sehr sorgfältig hergestellte Tongefäße mitgegeben.
Manche Höhlen des Sauerlandes dienten vermutlich als Heiligtümer, in denen bestimmte Rituale abgehalten wurden, welche die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Feld gewährleisten sollten. Mit dem Kult wird auch ein gegossenes Bronzebecken aus Münster-Gittrup in Verbindung gebracht. Es kam 1986 am Rand einer Siedlung innerhalb von vier Pfosten zum Vorschein. Das Metallgefäß ist vermutlich aus kultischen Gründen eingegraben worden. Weitere Bronzebecken wurden 1911 in Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh) und 1980 auf einer Erddeponie bei Bad Driburg (Kreis Höxter) entdeckt.
Schauplätze geheimnisvoller Zeremonien dürften die Pfostendoppelreihen (Pfostenavenuen) von Telgte-Raestrup (Kreis Warendorf) und Münster-Gittrup gewesen sein. Die 1972 entdeckte Avenue von Telgte-Raestrup war mindestens 30 Meter lang, die 1976 nachgewiesene Avenue von Münster-Gittrup 56 Meter. Beide Avenuen waren bei der Entdeckung teilweise zerstört. Solche Avenuen mit Pfostendoppelreihen hatte es bereits während der älteren Bronzezeit in Niedersachsen gegeben und existierten dort noch in der jüngeren Bronzezeit.

Keine Kommentare: