Freitag, 11. Januar 2008

Die Helmsdorfer Gruppe (etwa 1300/1200-600 v. Chr.)

Das Gräberfeld vom Sehringsberg

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1996) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Im östlichen und nördlichen Harzvorland von Sachsen-Anhalt behauptete sich von etwa 1300/1200 bis um 600 v. Chr. die Helmsdorfer Gruppe. Ihr südlicher Nachbar war die im Thüringer Becken konzentrierte Unstrut-Gruppe, ihr nördlicher Anrainer die beiderseits der unteren Saale heimische Saalemündungs-Gruppe.
Zwischen diesen drei Kulturen lassen sich wegen fließender Übergänge keine deutlichen Abgrenzungen vornehmen. Bei der Keramik hatte die Helmsdorfer Gruppe viele Gemeinsamkeiten mit der Saalemündungs-Gruppe. Dagegen spiegeln ihre Bronzeobjekte einen engen Kontakt mit der Unstrut-Gruppe wider.
Die Helmsdorfer Gruppe verdankt dem Gräberfeld auf dem Sehringsberg beim Ortsteil Helmsdorf von Heiligenthal1 (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt ihren Namen. Der Begriff Helmsdorfer Gruppe geht auf den Prähistoriker Jörg Lechler (1894-1969) zurück, der 1913 bis 1918 auf dem Sehringsberg gegraben und 1925 vom Helmsdorfer Kulturkreis gesprochen hatte. Der Name Helmsdorfer Gruppe wurde 1967 von dem am Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle/Saale, tätigen Prähistoriker Berthold Schmidt eingeführt.
Vor allem im östlichen Harzvorland sind auffällig viele Funde, Siedlungen und Gräberfelder entdeckt worden. Demzufolge dürfte die entsprechende Bevölkerungskonzentration auf den Abbau von Kupfererz im Mansfelder Land und dessen Weiterverarbeitung sowie auf die für den Ackerbau günstigen Böden zurückzuführen sein.
Der Prähistoriker Berthold Schmidt hat 1978 die Ansicht vertreten, man könne den Zeitabschnitt, in dem die Helmsdorfer Gruppe im Harzvorland existierte, fast als ein »goldenes Zeitalter« bezeichnen. Er schrieb damals: »Es handelt sich um eine Epoche, in der große Siedlungen, Befestigungen, ausgedehnte Gräberfelder mit anspruchsvollen Grabdenkmälern errichtet, aufwendige religiöse Zeremonien veranstaltet, wohl intensiv Kupfer abgebaut und Bronze zahlreich verwendet wurde, in der Viehhaltung und Ackerbau blühten und die Anzahl der hier wohnenden Menschen relativ hoch gewesen sein muß.«
Die Helmsdorfer Leute wohnten in unbefestigten und befestigten Siedlungen. In Polleben2 (Kreis Mansfelder Land) lagen die Dörfer jener Zeit in sanfter Hanglage. Eine unbefestigte Höhensiedlung mit einer Fläche von etwa zwei bis drei Hektar war auf einer Hochebene nördlich von Timmenrode (Kreis Wernigerode) angelegt worden.
Durch Grabungen nachgewiesene befestigte Höhensiedlungen der Helmsdorfer Gruppe sind bisher vom Burgberg bei Bösenburg (Kreis Mansfelder Land), auf der Schalkenburg bei Quenstedt (Kreis Mansfelder Land) und auf dem Kleinen Gegenstein bei Ballenstedt/Harz (Kreis Quedlinburg) bekannt. Vermutlich war auch der Burgberg von Quedlinburg als Bollwerk ausgebaut.
Der etwa 600 Meter lange und 250 Meter breite Burgberg (auch Kirchberg genannt) östlich von Bösenburg, einem Ortsteil von Rottelsdorf, ist von der angrenzenden Hochfläche durch eine Schlucht getrennt. Auf dem Bergsporn wurde ein Areal von etwa zwölf Hektar ringsum durch einem mächtigen Wall geschützt, der aus Löß und Baumstämmen bestand.
Von den ehemaligen Behausungen zeugen in den Sandsteinfelsen eingetiefte Vorratsgruben und Pfostenlöcher. Die Bewohner der Wallburg haben ihre Toten auf dem nahe gelegenen Goldberg bestattet. Diese Befestigung bei Bösenburg bestand etwa vier Jahrhunderte lang. Sie wurde in der frühen Eisenzeit um 600 v. Chr. bei einem Angriff in Brand gesetzt und zerstört.
Die Wände damaliger Wohnhäuser sind nicht nur mehrfach neu verputzt, sondern zuweilen auch bemalt worden. Der entsprechende Nachweis hierfür gelang in einer Siedlung zwischen Bösenburg und Rottelsdorf (Kreis Mansfelder Land). Dort fand man Lehmbrocken, die bis zu dreizehnmal mit weißer Farbe getüncht wurden. Auf einigen Stücken sind sogar Reste roter Bemalung zu beobachten. Dabei handelte es sich um eine Verzierung mit parallelen geraden Streifen, gebogenen Streifen und Punkten. Die weiße Farbe enthält vor allem Kaolin, die rote ein Gemisch aus Kaolin und Eisenoxyd.
Als Sicherungsmaßnahmen für die Befestigung auf der Schalkenburg bei Quenstedt dienten ein aus Holz und Erde errichteter Wall sowie zwei davor ausgehobene Gräben. An die hölzerne Innenwand des Holz-Erde-Walles waren kasemattenartige Langhäuser angebaut. Auch diese Wallburg fiel um 600 v. Chr. einem Feuer zum Opfer.
Die Wallburg auf dem Kleinen Gegenstein bei Ballenstedt nahm eine Fläche von etwa 400 Meter Länge und 225 Meter Breite, also von etwa neun Hektar, ein. Im Gegensatz zu den Befestigungen bei Bösenburg und auf der Schalkenburg wurde jene »Burg« nicht zerstört. Unklar ist, ob auch die Höhensiedlung auf dem benachbarten Großen Gegenstein befestigt war. Dort konnten nur dicht beieinanderliegende, runde Vorratsgruben aufgedeckt werden.
Die Bewohner der Wallburg bei Bösenburg säten und ernteten Dinkel (Triticum spelta), mehrzeilige Gerste (Hordeum vulgare), Emmer (Triticum dicoccon), Einkorn (Triticum monococcum) und Rispenhirse (Panicum miliaceum). Diese Getreidearten wurden getrennt angebaut. Außerdem sind in jener Befestigung auch Ackerbohne (Vicia faba) und Flachs (Linum usitatissimum) durch Funde nachgewiesen.
Bei Bösenburg ist in einem großen bottichartigen Holzgefäß die größte gehortete Getreidemenge Mitteldeutschlands entdeckt worden. Sie bestand aus vier Zentnern Getreide und Unkrautsämereien. Insgesamt konnten 26 Pflanzenarten nachgewiesen werden. Der Getreidefund stammt aus der frühen Eisenzeit um 600 v. Chr.
In Burgsdorf (Kreis Mansfelder Land) hat man auf einem Gräberfeld in flachen Opfergruben Schädel und untere Teile von Pferdebeinen bestattet. Es handelte sich vermutlich um kleinwüchsige weibliche Tiere mit einer Widerristhöhe von 1,27 Metern.
In einer Grube der erwähnten Siedlung zwischen Bösenburg und Rottelsdorf lagen außer Lehmbewurf und Wandverputz auch Reste von Webgewichten sowie Knochen vom Rind, Reh, (Capreolus capreolus), ein Zahn vom Rothirsch (Cervus elaphus) und das Bruchstück einer Malermuschel (Unio pictorum).
Die Keramik der Helmsdorfer Gruppe besteht häufig aus dunkelbraunem, schokoladenbraunem und dunkelgrauem, seltener schwärzlichem Ton. Typisch sind abwechselnde senkrechte Furchen- und Riefengruppen als Verzierung auf dem Gefäßbauch. Es gab Töpfe, Schalen, Schüsseln, Henkelkrüge und Tassen mit Schrägriefen. Mit der Saalemündungs-Gruppe hatte die Helmsdorfer Gruppe tönerne Trichterschalen, Zylinderhalsterrinen und das im Gefäßinneren angebrachte vierspeichige Radkreuzmuster gemeinsam.
Von der erwähnten Befestigung auf der Schalkenburg bei Quenstedt liegt ein tönernes Sauggefäß in Stiergestalt vor. Dieses 12,5 Zentimeter hohe Objekt hat ein Fassungsvermögen von 575 Kubikzentimetern. Damit ist es mehr als doppelt so groß wie die üblichen für Kinder angefertigten Sauggefäße, deren Volumen meistens weniger als 270 Kubikzentimeter beträgt. Vielleicht wurde damit ein kranker oder alter Mensch ernährt. Unbekannt ist die Funktion eines Tonhorns aus Polleben (Kreis Mansfelder Land).
Wie bei der Unstrut-Gruppe waren auch im Verbreitungsgebiet der Helmsdorfer Gruppe bronzene Hakenspiralen und gedrehte Halsringe üblich. Die Hakenspiralen werden als Objekte zum Zusammenhalten eines Gewandes gedeutet.
Zur Brandbestattung eines etwa sechs- bis achtjährigen Kindes bei Westerhausen (Kreis Quedlinburg) gehören neben mehreren Tongefäßen auch bronzene Schmuckstücke (zwei Anhänger, fünf kleine Bronzespiralen, Bronzedraht und ein zusammengewundenes Bronzeband mit 2,5 Zentimeter Durchmesser und 1,8 Zentimeter Breite). Davon ist ein 3,9 Zentimeter langer und 3,4 Zentimeter breiter Anhänger mit Ring und tierkopfähnlichen Aufsatz besonders er-wähnenswert. Bei dem Aufsatz könnte es sich um den Kopfteil und die Vorderbeine eines Bockes handeln, aber auch um eine menschenähnliche Darstellung wie auf skandinavischen Felsbildern.
In Quedlinburg sind mehr als 100 grünliche bis dunkelblaue Glasperlen gefunden worden, die als Importware gelten. Eine Glasperle mit einem Durchmesser von 1,2 Zentimetern und einem zentralen Bohrloch lag auch in einem Steinpackungsgrab von Beesenstedt (Saalkreis). Glasperlen waren damals selten.
Auf den Gräberfeldern der Helmsdorfer Gruppe wurden Körper- und Brandbestattungen vorgenommen. Die Steinpackungsgräber sind meistens von Norden nach Süden ausgerichtet. Den Leichnam oder den in einem Tongefäß aufbewahrten Leichenbrand legte man zusammen mit den Beigaben (Keramik Schmuck, Waffen) auf ein rechteckiges Steinpflaster. Darüber wurde eine Steinpackung in Form eines »falschen Gewölbes« aufgetürmt. Mehrfach waren die Gräber mit einem Kreisgraben versehen. Im nördlichen Harzvorland gab es auch Hügelgräber.
In der älteren Phase (Periode IV) der Helmsdorfer Gruppe wurden die Verstorbenen überwiegend einzeln in Steingrä-bern bestattet. Solche Gräber bildeten Dreier- bis Fünfergruppen. Im Gegensatz dazu beerdigte man in der jüngeren Phase (Periode V) den Leichenbrand der Toten jeweils in einem Tongefäß (Doppelkonus, Terrine), in Steinkisten oder in kürzeren steinkistenähnlichen Behältnissen. Diese enthielten zuweilen bis zu fünf Brandbestattungen.
Das Gräberfeld auf dem erwähnten Goldberg bei Bösenburg gilt als der größte Friedhof der Helmsdorfer Gruppe. Dort hat man einen Teil des Gräberfeldes systematisch untersucht und bisher 120 rechteckige Steinpackungsgräber und zwei Kreisgräben freigelegt. Der Ausgräber Berthold Schmidt aus Halle/Saale nimmt an, daß der Bestattungsplatz mindestens noch einmal die gleiche Anzahl von Gräbern oder das Vielfache davon enthält. Sie stammen überwiegend aus der Periode IV. Die Toten wurden entweder unverbrannt oder verbrannt beigesetzt.
Auf dem Goldberg hat man meistens nur einen Menschen, selten zwei Personen, bestattet. Die Gräber waren als Dreier- bis Fünfergruppen angelegt. Mehrfach wurden die Grabstätten durch steinerne Stelen markiert, die einst sichtbar waren, aber nach dem Zusammenbrechen der Gräber beziehungsweise deren Holzeinbauten im Erdreich einsanken.
Das etwa einen Kilometer südlich von Heiligenthal-Helmsdorf auf der Kuppe des Sehringsberges gelegene Gräberfeld umfaßte 62 Steinpackungsgräber und fünf Kreisgräben. Auf dem Berg bietet sich ein weiter Rundblick über das Mansfelder Land. Auch hier wurden die Toten sowohl unverbrannt als auch verbrannt nur mit spärlichen Beigaben bestattet.
Die Steinpackungsgräber auf dem Sehringsberg bestehen aus 20 bis 50 Zentimeter großen Bruchsteinen und sind mit einem Bodenpflaster, hochkant stehenden Seitensteinen sowie sich nach innen verjüngenden Abdeckungssteinen versehen. Meistens befand sich nur ein Skelett, seltener zwei Skelette, oder der Leichenbrand eines Menschen in einem Grab. In drei der erwähnten Kreisgräben war jeweils ein zentrales Steinpackungsgrab (Zentralgrab) errichtet worden. In zwei anderen Kreisgräben gab es außer dem Zentralgrab noch je eine zeitgleiche Nebenoder eine später erfolgte Nachbestattung.
Am Westabhang des Sehringsberges erinnert heute ein kleines, vom Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle/Saale, und ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern eingerichtetes Freilichtmuseum mit einigen Steinpackungsgräbern an das 280 Meter lange und 180 Meter breite Gräberfeld.
Etwa 20 bis 25 Hügel dürfte einst – Berichten aus dem 19. Jahrhundert zufolge – das Hügelgräberfeld bei Westerhausen im Kreis Quedlinburg gezählt haben. In den 1950er Jahren existierten davon nur noch acht Hügel mit Durchmessern von zwölf bis 23 Metern und einer erhaltenen Höhe von 0,35 bis 1,70 Metern. Bei der Freilegung eines dieser Hügel hat der erwähnte Prähistoriker Berthold Schmidt fünf Gräber vorgefunden.
Die Helmsdorfer Gruppe nahm vermutlich in der frühen Eisenzeit um 600 v. Chr. ein gewaltsames Ende. Ihre letzten Hinterlassenschaften finden sich im sogenannten Katastrophenhorizont, der unter anderem anläßlich von Untersuchungen der erwähnten Wallburgen bei Bösenburg und auf der Schalkenburg bei Quenstedt festgestellt wurde.

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