Freitag, 11. Januar 2008

Die Ems-Hunte-Gruppe (etwa 1100-800 v. Chr.)

Mit dem Rasiermesser ins Grab

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1996) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Zwischen den Flüssen Ems im Westen und Hunte im Osten lag in der jüngeren Bronzezeit von etwa 1100 bis 800 v. Chr. das Verbreitungsgebiet der Ems-Hunte-Gruppe. Es reichte ungefähr von Osnabrück im Süden bis Wildeshausen (Kreis Oldenburg) im Norden und umfaßte die Kreise Grafschaft Bentheim, Emsland, Cloppenburg, Osnabrück, Vechta und Oldenburg.
Im Laufe der Forschungsgeschichte wurden die Funde aus diesem Gebiet unterschiedlichen Kulturen beziehungsweise Gruppen zugeordnet: 1930 zum Formenkreis der Unterweser, 1941/42 zum Ems-Weser-Kreis, 1957 zur Hase-Hunte-Kulturprovinz, 1968 zur Südgruppe im südlichen Oldenburg und 1979 von dem Prähistoriker Wolfgang Schlüter aus Osnabrück zum »Ems-Hunte-Kreis«. Für den so umrissenen Komplex schlug 1991 der Prähistoriker Otto Mathias Wilbertz aus Hannover den Begriff „Ems-Hunte-Gruppe« vor.
Über die Siedlungen der Ems-Hunte-Gruppe weiß man bisher wenig. Sie lagen wohl ebenso wie diejenigen der folgenden frühen Eisenzeit etwa 250 bis 500 Meter von den Friedhöfen entfernt und in unmittelbarer Nähe eines Gewässers. Unbekannt sind die Größe und Gliederung der Dörfer sowie die dort eventuell ausgeübten handwerklichen Tätigkeiten.
Die bronzenen Rasiermesser aus dem Bereich der Ems-Hunte-Gruppe lassen mitunter Beziehungen zur nordischen Bronzezeit und zur süddeutschen Urnenfelder-Kultur erkennen. Ihre reiche Ornamentik zeigt teilweise eine Vermischung nordischer und süddeutscher Motive. Vielleicht sind diese Rasiermesser nur Nachahmungen und stammen aus eigener Produktion.
Allein in den Gräbern von Voxtrup-Düstrup (Stadt Osnabrück) lagen mindestens zehn Rasiermesser. Ein Exemplar mit Lederscheide wurde in Dötlingen-Buschheide bei Wildeshausen (Kreis Oldenburg) geborgen. In einer Scheide aus Holz, die mit Leder überzogen war, soll angeblich eines der Rasiermesser aus Voxtrup-Düstrup gesteckt haben.
Bei den Rasiermessern wirken die auf einer Seite verzierten Stücke wie kleine Kunstwerke. Ein Rasiermesser aus Börstel bei Berge (Kreis Osnabrück) sowie zwei weitere solche Toilettegegenstände aus Emsbüren und vom Nattenberg bei Emsbüren (Kreis Emsland) zeigen mythologische Schiffsdarstellungen. Auf letzterem Fund sind zudem zwei Fabeltiere abgebildet.
Auf dem erwähnten Gräberfeld von Voxtrup-Düstrup sind auch drei bronzene Pinzetten bekannt. Je ein solches Toilettegerät lag zusammen mit einem zweischneidigen süddeutschen Rasiermesser in einer Urne aus Erpen (Kreis Osnabrück) und in einem Brandgrab von Oldendorf (Kreis Osnabrück). Eine mit Halbkreisen und Rechtecken verzierte Pinzette ist schon vor 1828 am Heiligenberg bei Gleesen (Kreis Emsland) gefunden worden.
Unter den bronzenen Nadeln zum Zusammenhalten eines Obergewandes überwogen die Vasenkopfnadeln. Außerdem gab es Nadeln mit doppelkonischem Kopf, Scheibenkopf- und Kugelkopfnadeln. Besonders typisch für die Nadeln der Ems-Hunte-Gruppe ist eine säbelartige Krümmung des Nadelschaftes.
Neben Nadeln blieben vom bronzenen Zubehör der damaligen Kleidung auch Gürtelhaken und -buckel erhalten. Ein Gürtelhaken fand sich zusammen mit dem erwähnten doppelschneidigen Rasiermesser und einer Pinzette in einer Ur-ne von Erpen. Aus Lohne (Kreis Vechta) liegt ein gegossener konischer Gürtelbuckel vor. Er hat einen Durchmesser von 8,1 Zentimetern, ist 5,9 Zentimeter hoch und außen mit Bogenfriesen verziert. Im Inneren setzt in der Mitte eine senkrechte Stange an, die in einer Drahtrosette endet.
In Lohne wurde auch ein bronzenes Hängebecken geborgen. Früher hat man solche Metallobjekte als Gürtelschmuck interpretiert, heute ist ihr Verwendungszweck umstritten. Der Fund aus Lohne besitzt einen Durchmesser von 9,9 Zentimetern, ist vier Zentimeter hoch und am Rand mit zwei sich gegenüberstehende Ösen versehen. Verziert ist dieses Hängebecken mit halbkreisförmigen, zu drei konzentrischen Kreisen angeordneten Bögen.
Ein weiteres prächtiges Hängebecken mit einem Durchmesser von 15,3 Zentimetern stammt vom Heiligenberg bei Gleesen (Kreis Emsland). Es enthielt bei der Bergung zehn oder zwölf Bronzespiralen, die später verlorengingen. Jenes Hängebecken wurde von dem katholischen Geistlichen und Altertumsforscher Albert Hermann Deitering (1798-1876) aus Emsbüren gefunden und 1828 von ihm in einer Übersicht archäologischer Funde erwähnt.
Die Ems-Hunte-Leute ernährten sich vom Ackerbau und von der Viehzucht. Auf Ackerbau deuten je ein Läuferstein aus den Gräberfeldern Voxtrup-Düstrup und Osnabrück-Galgenesch hin, die von Getreidemühlen stammen. Damit wurden die auf einen großen Mahlstein geschütteten Getreidekörner zerquetscht.
Felsgestein war der Rohstoff vor allem für geschliffene Klingen von Äxten und Schleifsteine sowie seltener für Rillenhämmer. Die Axtformen sind häufig metallenen Vorbildern nachempfunden. Unter ihnen gelten die Objekte mit rundem oder abgerundetem Nacken teilweise als Arbeitsgeräte. Schleifsteine aus Sandstein lagen oft paarweise in Gräbern.
Zu den bronzenen Werkzeugen im westlichen Niedersachsen gehörten damals Tüllenbeile, seltener Lappenbeile sowie Tüllengriffmesser und Pfrieme. Manche Werkzeuge wurden wohl selbst hergestellt, andere dagegen aus Westeuropa sowie aus den Verbreitungsgebieten der nordischen Bronzezeit, der Lausitzer Kultur oder der Urnenfelder-Kultur importiert.
Ein Tüllengriffmesser stammt aus dem Gräberfeld von Voxtrup-Düstrup. In seiner Tülle sollen sich bei der Auffindung noch Reste des hölzernen Griffes befunden haben. Die Gußnaht auf dem Rücken dieses Messers belegt, daß das Werkzeug in einer zweiteiligen Form gegossen wurde. Mitunter hat man Messer prächtig auf der Schneide verziert.
Bewaffnet waren die Männer der Ems-Hunte-Gruppe vor allem mit Lanzen, die einen langen hölzernen Schaft und eine bronzene Spitze hatten, sowie mit steinernen Äxten. Diese Äxte mit sogenanntem gebogenen Nacken sind in Nordwestdeutschland weit verbreitet. Sie werden als »nackengebogene Äxte vom nordwestdeutschen Typ« bezeichnet. Auffällig viele solcher Äxte kamen auf der Cloppenburger Geest zum Vorschein.
Unter den Lanzenspitzen ist nur diejenige aus Bakum oder Kerßenbrock (Kreis Osnabrück) verziert. Der genaue Fundort kann in diesem Fall nicht mehr eruiert werden. Auf der mit Nietlöchern versehenen Tülle ist ein Ornament mit konzentrischen Halbkreisbögen und Winkelbändern sichtbar.
Unklarheit herrscht über die Funktion einer bronzenen »Lanzette« , von der in einem der Gräber aus Voxtrup-Düstrup ein Bruchstück zutage gefördert wurde. Es war bei der Auffindung noch 7,3 Zentimeter lang. Solche Objekte sind von den Experten sehr unterschiedlich gedeutet worden.
Nach den Funden zu schließen, konnten sich nur wenige Männer ein bronzenes Schwert leisten. In Drantum oder in Bad Rothenfelde (beide im Kreis Osnabrück) wurde ein nahezu 60 Zentimeter langes, importiertes Schwert vom Typ Auvernier geborgen, der nach einem schweizerischen Fundort benannt ist. In Lohne (Kreis Vechta) kam ein 73,2 Zentimeter langes Griffangelschwert zum Vorschein.
Womit sich die Menschen der Ems-Hunte-Gruppe schmückten, verraten einige Funde aus dem Depot von Goldenstedt-Rethwisch (Kreis Vechta). Dieser enthielt neben einem Tüllenbeil und einem Rasiermesser mit S-förmigem Griff auch Schmuckstücke, wie einen verzierten bronzenen Halskragen, sechs Knotenarmringe und eine mit Goldblech belegte, bronzene Plattenfibel, die angeblich in Birkenrinde eingewickelt war. All diese Gegenstände fanden sich in einem Tongefäß.
Die Leichname der Toten wurden ausnahmslos auf Scheiterhaufen verbrannt, anschließend hat man die übrig gebliebenen Knochen aufgesammelt und meistens in tönerne Urnen, mitunter jedoch auch in Holzkästen oder Lederbeutel, geschüttet. Als Urnen dienten überwiegend zweihenkelige Terrinen und Doppelkoni, die nur selten Ornamente aufweisen. Außerdem liegen Zylinderhalsurnen vor.
Die Urnen oder anderen Behältnisse wurden in Grabhügeln älterer Kulturen (jungsteinzeitliche Einzelgrab-Kultur, ältere Bronzezeit), in Dünen, in neu aufgeschütteten Grabhügeln oder in Flachgräbern beigesetzt. Nach bisherigen Erkenntnissen war die Zahl der Hügelgräber größer als die der Flachgräber.
In Dötlingen-Buschheide (Kreis Oldenburg) hatten die untersuchten jungbronzezeitlichen Grabhügel noch eine Höhe von 0,25 bis 0,85 Metern und einen Durchmesser von vier bis 12,60 Metern. Dort wurden auf der alten Erdoberfläche die Grasplaggen entfernt und zusammen mit Sand als Baumaterial für den Grabhügel verwendet, den man mit faustgroßen Steinen abdeckte.
Teilweise konnten in Grabhügeln von Dötlingen-Buschheide Brandflächen freigelegt werden. Die größeren davon wurden von dem Prähistoriker Dieter Zoller (1921-1993) aus Rastede als Scheiterhaufen und die kleineren als Opferfeuer gedeutet. An diesem Fundort war es zudem möglich, bei einer Urne eine Pfostensetzung nachzuweisen.
In oder neben die Urnen stellte man kleine Beigefäße. Bronzene Teile der Tracht (Nadeln), Toilettegegenstände (Rasiermesser, Pinzetten) und Schmuckstücke wurden meistens unverbrannt ins Grab gelegt.
Systematische Ausgrabungen ergaben, daß es sich bei den Gräberfeldern aus dieser Zeit häufig um Kreisgrabenfriedhöfe handelte. Neben kleinen Rundhügeln gab es schlüssellochförmige Hügel sowie bis zu 70 Meter messende Langhügel, die von Gräben eingefaßt waren.
Kreisgrabenfriedhöfe sind aus Ohrte, Druchhorn, Fürstenau, Oster- und Westeroden, Belm (alle im Kreis Osnabrück) sowie Voxtrup-Düstrup (Stadt Osnabrück), im Oldenburger Raum und am rechten Weserufer von Minden bekannt. Die meisten Gräberfelder dieses Typs liegen im östlichen Holland und in der Münsterschen Tieflandbucht zwischen dem Unterlauf der Ems und dem Oberlauf der Lippe.
Die drei bekannten Kreisgräben im über 400 Grabhügel umfassenden Friedhof von Voxtrup-Düstrup haben einen Durchmesser von 5,50 bis 6,30 Metern. Bei den drei Schlüssellochgräben von dort weist der »Bart« genannte Vorhof jeweils nach Osten. Jenes Gräberfeld wurde in der ausgehenden Bronzezeit und beginnenden Eisenzeit belegt. Für den Osnabrücker Juristen, Publizisten und Geschichtsschreiber Justus Möser (1720-1794) war diese Anlage jener Ort, an dem der römische Feldherr Varus »den letzten Stoß empfangen« haben soll.
Während der jüngeren Bronzezeit ist ein kleiner Teil der mehr als 500 Grabhügel des Gräberfeldes von Pestrup bei Wildeshausen (Kreis Oldenburg) in Niedersachsen errichtet worden. Der Durchmesser der dortigen Grabhügel bewegt sich zwischen acht und 13 Metern. Der riesige Komplex mit Gräbern vom 9. bis 2. Jahrhundert v. Chr. gilt als das größte zusammenhängende Grabhügelfeld Nordwesteuropas. Dort haben seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Ausgrabungen stattgefunden.
Mitunter sind von Leuten der Ems-Hunte-Gruppe Urnen mit Leichenbrandresten auch in mehr als 5000 Jahre alten Großsteingräbern der Jungsteinzeit beigesetzt worden. Das war in der Großsteingräbergruppe »Glaner Braut« von Wildeshausen (Kreis Oldenburg) der Fall, wo in der Füllerde zwischen der Kammer eines der vier Großsteingräber und seiner Einfassung eine Urne entdeckt wurde.
Als Kultanlage gilt die aus sechs Pfostendoppelreihen bestehende, 16 Meter lange und 216 Pfosten umfassende Avenue auf dem Höhenzug Hörtel bei Leschede16 unweit von Emsbüren (Kreis Emsland). Diese Avenue kam auf einem Gräberfeld aus der Übergangszeit von der jüngeren Bronzezeit zur frühen Eisenzeit zwischen zwei Grabhügeln zum Vorschein. Doppelpfostensetzungen im Südwesten und Nordosten markierten ihren Ein- und Ausgang. Im Nordosten wurde die Avenue durch rechtwinklig kreuzende Furchen eines Wendepfluges begrenzt. Der Prähistoriker Klemens Wilhelmi aus Hannover nimmt an, daß für jeden der mehr als 200 Pfosten der Avenue ein Baum gefällt werden mußte.
Bei Leschede wurde später auch eine kleinere, teilweise zerstörte, zweireihige Kultanlage aufgedeckt, deren ehemalige Gesamtlänge sich nicht exakt feststellen ließ. Dieser Pfostenavenue sind im Norden konzentrische Graben- und Pfostenringe vorgelagert.
Mitten in dem 21 Grabhügel umfassenden Friedhof bei Leschede lag eine Wegkreuzung mit Wagenspuren von Südwest nach Nordost und von Südost nach Nordwest, die während der Belegung des Gräberfeldes benutzt wurde. Meistens hatten die Wagen eine Spurweite um 1,20 Meter, teilweise aber auch um 1,40 Meter.
Die Ems-Hunte-Gruppe ist eine der vermutlich zwei oder drei Kulturgruppen, die während der jüngeren Bronzezeit in Niedersachsen westlich der Weser, geben auch etliche Funde nördlich des Gebietes der Ems-Hunte-Gruppe Auskunft.
Verkohltes Getreide aus Wiesens (Kreis Aurich) belegt den Anbau von Nacktgerste (Hordeum vulgare var. nudum). Steinsicheln für die Getreideernte liegen aus Jemgum17 (Kreis Leer) vor. Tierknochen in Jemgum bezeugen die Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen und Pferden als Haustiere. Jagdbeutereste dokumentieren, daß die Bewohner der Siedlung Jemgum manchmal Rothirsche (Cervus elaphus), Rehe (Capreolus capreolus) und Biber (Castor fiber) erlegten.
Bei Westerholt-Terheide (Kreis Wittmund) wurde in einer Düne ein Tongefäß entdeckt, in dem sich zwei goldene Schalen fanden. Eine davon ist 6,6 Zentimeter hoch, hat einen oberen Durchmesser von 9,5 Zentimetern und wiegt 53,7 Gramm, die andere ist 6,1 Zentimeter hoch, hat einen oberen Durchmesser von 9,8 Zentimetern und wiegt 50 Gramm. Beide Schalen haben einen gewölbten Boden und konnten daher nicht alleine stehen. Die Goldgefäße sind mit Kreisen, Punktreihen und umlaufenden Linien verziert. Der Fund wird als Depot gedeutet.

Keine Kommentare: