Montag, 14. Januar 2008

Die Bronzezeit: Das "goldene Zeitalter" der Urgeschichte 3



Video "Stonehenge" von Youtube
http://www.youtube.com/watch?v=exWO1qRWtIA

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1986) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Die Bekleidung für den Alltag ist in der Bronzezeit vermutlich fast in jedem Haushalt selbst hergestellt worden. Nur die privilegierten Anführer und Priester ließen sich wahrscheinlich besonders prächtige Gewänder anfertigen. Funde von Spinnwirteln, Webstuhlgewichten und Nähnadeln in Frauengräbern lieferten Hinweise dafür, daß das Spinnen von Wolle und das Weben von Stoffstücken mit Webstühlen wohl zum Aufgabenbereich der Frauen gehörte.
Reich bemalte Tonfiguren aus der Mittelminoischen Kultur von Kreta um 2000 bis 1700 v. Chr. führen uns die damaligen Garderoben vor Augen. Demnach begnügten sich die Männer mit einer kurzen Schürze. Die Frauen mit Wespentaille betörten mit einer langen »Krinoline«, die raffinierterweise die Beine bedeckte, jedoch die Brüste unverhüllt zur Schau stellte.
Über die in Nordeuropa übliche Garderobe sind die Prähistoriker besonders gut durch die unter günstigen Umständen erhaltenen Kleidungsreste in Baumsärgen der nordischen Bronzezeit unterrichtet. Nach diesen Funden zu schließen, hatten die Männer keine Hosen an. Dieses Kleidungsstück war in der Bronzezeit allgemein unbekannt. Die Männer trugen einen von der Schulter bis zu den Knien reichenden Rock, der die Schultern nicht bedeckte, von Schulterriemen gehalten und in der Hüfte geschnürt wurde. Als Kopfbedeckung gab es verschieden hohe Filzmützen. Die Füße steckten in sandalenartigen Schuhen mit an den Unterschenkeln kreuzweise gebundenen Lederriemen.
Die Frauen zogen eine einfache Bluse mit halblangen Ärmeln und einen langen weiten Rock an. Der Rock bestand aus einem einzigen Stück Gewebe. Er wurde um die Hüfte geschlungen und von einem Stoffgürtel zusammengehalten. Ob Unterwäsche üblich war, ist unbekannt. Mädchen waren mit einem sehr kurzen Fransenrock bekleidet, der viel Bein zeigte. Zum Gürtel aus Stoff oder Leder gehörte häufig ein bronzener Gürtelhaken als Verschluß.
Für die wohl unter großem Zeitaufwand zurechtgemachte kunstvolle Frisur wurde ein Netz verwendet. Kämme waren nichts Neues mehr, da diese Toilettegegenstände seit der Jungsteinzeit bekannt sind. Ab der Mittelbronzezeit kamen bronzene Rasiermesser für die Männer und bronzene Pinzetten zum Entfernen lästiger Haare auf.
Wegen der zahlreichen golden glänzenden Bronzeerzeugnisse – darunter auffallend viel Schmuck -, des relativ häufig vorkommenden Goldschmucks sowie einiger anderer Kriterien wird die Bronzezeit zuweilen als das »goldene Zeitalter« der Urgeschichte bezeichnet. In manchen bronzezeitlichen Kulturen waren vor allem die Frauen über und über mit Schmuck behängt.
So trugen die Frauen der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur in Tschechien und der Slowakei bronzene oder goldene Ohrgehänge, Halsketten aus Bernstein- oder Bronzeperlen oder mit Röhrchen aus gerolltem Bronzeblech oder -draht, Halsringe, Gewandnadeln, Armringe oder -spiralen, Manschettenarmbänder, Anhänger und Fingerringe aus Bronze- oder Golddraht.
Nicht minder geschmückt waren die Frauen der Lüneburger Gruppe in der mittleren Bronzezeit. Damals wurden den Damen die Hals-, Arm- und Beinringe vermutlich angeschmiedet, weil man diese wegen der Sprödigkeit der Bronze nicht wiederholt aufbiegen konnte. In der Spätbronzezeit kam zu all diesem Gefunkel noch klappernder Anhängerschmuck dazu, der wohl weniger dazu gedacht war, Aufsehen bei den Männern zu erregen, als vielmehr Unheil von der Trägerin fernzuhalten. Neben Schmuck aus Bronze gab es aber weiterhin solchen aus Stein, Knochen und Geweih.
Zu den herrlichsten Kunstwerken der Bronzezeit in Europa gehören die Fresken und Stuckreliefs der Minoischen Kultur an den Wänden der Paläste von Knossos und Hagia Triada auf Kreta. Mitteleuropa hat ihnen nichts Gleichartiges entgegenzusetzen. Diese Kunstwerke zeigen Szenen von Palastfesten, Becherträger, Stiere, die Motive »Prinz mit Federkrone« und »Kleine Pariserin« (»petite Parisienne«), womit ein besonders attraktives Frauenbildnis gemeint ist. Die Kleinplastiken aus Bronze, Fayence (Ton mit bemalter Zinnglasur) und Elfenbein stellen betende Frauen und Männer, Priesterinnen mit Schlangen sowie Athleten bei Stierwettkämpfen dar.
Faszinierende Einblicke in das Leben während der Bronzezeit in Europa erlauben daneben vor allem die eingepickten Felsbilder in Frankreich, Italien, in der Schweiz, Schweden, Finnland und Norwegen. Sie informieren über Werkzeuge, Waffen, Jagd, Ackerbau, Viehzucht, Kleidung, Verkehrswesen, Musik, Tanz und Religion.
Die Felsbilder im südfranzösischen Alpental von Marvels beispielsweise zeigen Einritzungen von Bronzedolchen, gehörnten Menschenfiguren und allerlei Symbolen religiösen Inhalts. Die bereits erwähnten Felsbilder im norditalienischen Val Camonica, etwa 80 Kilometer von Brescia entfernt, lassen unter anderem zweirädrige Wagen erkennen. Auf einem Felsbild im schweizerischen Kanton Graubünden sind zahlreiche Symbole, Tiere und ein Reiter zu sehen.
Die Felsbilder in Skandinavien (Schweden, Finnland, Norwegen) zeigen Waffen (Äxte, Speere, Schwerter, Schilde), kämpfende Krieger, Jagdszenen mit Speer oder Pfeil und Bogen, Wildtiere (Lachs, Heilbutt, Wal, Robbe, Schlangen, Kraniche, Schwalben, Elche, Hirsche, Füchse, Bären) und Haustiere (vor Pflüge und vierrädrige Wagen gespannte Rinder, zweirädrige Streitwagen mit Pferden). Weitere Motive sind nackte Männer mit erigiertem Penis, Frauen mit langem Haar und langen Kleidern, Schiffe ohne und mit Besatzung, Lurenbläser, Tanzszenen und zahlreiche religiöse Motive.
Die auf den skandinavischen Felsbildern dargestellten Luren, eine Art von Bronzetrompeten, wurden offenbar nie einzeln, sondern stets paarweise oder gar zu viert geblasen. Sie sind vielleicht zuerst auf den dänischen Inseln hergestellt und verwendet worden, weil von dort besonders viele Funde vorliegen. In Norddeutschland gehören Lurenfunde zu den Ausnahmen.
Die aus mehreren Teilen bestehenden Luren gelten als Meisterwerke bronzezeitlicher Bronzegießer. Ihre Klänge erinnern an jene von Waldhorn und Tenorposaune. Möglicherweise sind sie zu Signalzwecken oder bei kultischen Anlässen verwendet worden. Aus Bronze bestanden auch Trommeln, die man aus Ungarn (Hazfalva) und vielleicht auch aus Schweden (Balkåkra) kennt, sowie Blashörner. Daneben wurde natürlich mit Instrumenten aus Holz (Flöten) musiziert, die aber nur in Ausnahmefällen bis heute erhalten blieben.
Zu Beginn der Bronzezeit ging man in Europa bei der Anfertigung von Tongefäßen und sowohl bei der Formung per Hand als auch bei der Verzierung und beim Brand noch mit großer Sorgfalt zu Werke. In manchen Gebieten verkümmerte danach die Keramik immer mehr, worauf der Begriff »Kümmerkeramik« basiert. Ein wichtiger Grund dafür mag gewesen sein, daß die Bronze als Neuheit erhebliche Aufmerksamkeit erregte, zu vielfältigen Experimenten anregte und die irdenen Gefäße immer mehr in den Hintergrund drängte. Gebietsweise legte man aber auch in der Spätbronzezeit noch Wert auf eine qualitätvolle feine Keramik.
Das neue Metall löste bald den bis dahin für einige Werkzeuge und Waffen verwendeten Stein als Rohstoff ab und ermöglichte neue Formen, wie bronzene Meißel, Beile, Äxte, Dolche, Schwerter, Lanzen- und Pfeilspitzen. Neuschöpfungen gab es des weiteren bei den Schutzwaffen, nämlich bronzene Helme, Schilde, Panzer und Beinschienen. Manche Werkzeug- und Waffenformen waren typisch für bestimmmte Stufen der Bronzezeit und dienen deshalb als wertvolle Hilfen für die Gliederung dieses Zeitalters.
Bei den Werkzeugen sind es vor allem die Beilklingen, die eine typologische Abfolge erkennen lassen. Beim sogenannten Randleistenbeil wurden an den Rändern Leisten mit angegossen, um der Schäftung einen besseren Halt zu verleihen. Die Beilklinge schob man in den hölzernen Schaft (Stiel) und band sie fest. Dieser Typ hatte den Nachteil, daß die Beilklinge mit jedem Schlag tiefer in die Schäftung gedrückt wurde. Deshalb entwickelte man das Absatzbeil, bei dem zwischen den Randleisten noch auf jeder Seite eine Querleiste (Absatz) angegossen ist, die für einen besseren Halt der Beilklinge in der Schäftung sorgte.
Eine weitere Verbesserung war das Lappenbeil, bei dem vier bronzene Lappen von den äußeren Randleisten her den Stiel umfaßten. Den Höhepunkt in dieser Entwicklungsrei-
he bildete das Tüllenbeil, bei dem das kürzere Ende eines Astknies in die röhrenförmige Tülle der Beilklinge eingeführt wurde. Eine noch festere Bindung erfolgte mittels eines Lederriemens, den man durch eine Öse am Tüllenbeil gezogen und am langen Stielende befestigt hat. Derartige typologische Abfolgen sind auch für Dolche, Schwerter und Gewandnadeln charakteristisch.
Zu Beginn der Bronzezeit waren in Mittel- und Nordeuropa bei den Waffen weiterhin Pfeil und Bogen sowie teilweise die steinerne Streitaxt in Gebrauch, daneben in manchen Kulturen auch prächtige, in Steinschlagtechnik angefertigte Feuersteindolche. Allmählich trat aber an die Stelle der steinernen immer mehr die bronzene Streitaxt, welche besonders in Nordeuropa bis zur Spätbronzezeit eine der Hauptwaffen war.
In Ost- und Mitteleuropa wurden zu Anfang der Bronzezeit flache, kurze, sogenannte trianguläre Bronzedolche mit meistens aus Holz hergestelltem Griff üblich. Diese Waffe erfreute sich in der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur Tschechiens, der Slowakei, Mitteldeutschlands und Niederösterreichs großer Beliebtheit. Aus den triangulären Dolchen entwickelten sich gegen Ende der Frühbronzezeit die Stabdolche (auch Axtdolche, Dolchstäbe oder Dolchäxte genannt), bei denen die bronzene Dolchklinge an einem bronzenen oder hölzernen Stab befestigt wurde. Sie hatten die Form einer Hiebwaffe, dürften aber eher Statussymbole oder Zeremonialgeräte gewesen sein.
Bronzene Lanzenspitzen kamen in Mitteleuropa gegen Ende der Frühbronzezeit in Mode. Vermutlich hat man diese Lanzen, die sowohl für Stöße als auch zum Werfen geeignet waren, hauptsächlich als Fernwaffen verwendet.
Die in Kleinasien schon um 2300 v. Chr. bekannten Bronzeschwerter sind in Europa erst ab der Mittelbronzezeit nachweisbar. Die ältesten Schwertfunde Europas stammen aus der Mykenischen Kultur in Griechenland um 1600 v. Chr. In Mitteleuropa setzten sich Bronzeschwerter kaum hundert Jahre später durch.
Die frühen Bronzeschwerter dienten als Stichwaffe (Rapier). Sie wurden in der Urnenfelder-Zeit ab etwa 1200 v. Chr. durch das Hiebschwert abgelöst. Bei den Stichschwertern war der Griff so kurz, daß der Daumen und der Zeigefinger auf dem Klingenansatz ruhten.
Das Schwert war aus dem Dolch hervorgegangen, dessen Klinge im Laufe der Zeit stetig verlängert wurde. Die Entwicklungsreihe der Schwerter begann mit Griffplattenschwertern, die mit einer trapezförmigen oder einer runden Griffplatte versehen sind. Ein anderer Typ wird Griffzungenschwert genannt. Hierbei ist die Klinge an dem der Hand zugewandten Teil zumeist in Form einer Griffzunge fächerartig erweitert. Die Griffzunge weist Löcher auf, in denen mit Nieten der bronzene oder hölzerne Griff befestigt wurde. Eine weitere Form ist das Vollgriffschwert, bei dem der massive (volle) bronzene Griff mitsamt Klinge aus einem einzigen Stück gegossen wurde.
Je nach der Gestaltung des Griffes und nach besonders charakteristischen Formen von bestimmten Fundorten unterscheidet man noch verschiedene Schwerttypen. So gibt es Schwerter des Typs Riegsee (Fundort in Oberbayern), Dreiwulstschwerter oder Scheibenknaufschwerter, Schalenknaufschwerter, Antennenschwerter mit spiralig aufgerollten Knaufflügeln, die den Fühlern mancher Insekten gleichen, Möriger Schwerter, Auvernier-Schwerter (beide nach Fundorten in der Schweiz benannt) mit Einlagen am Bronzegriff sowie Griffdornschwerter, bei denen der Griff auf einem Dorn der Klinge aufsitzt.
Aus der Zeit nach 1500 v. Chr. ist aus Griechenland der erste Bronzepanzer bekannt. Er wurde in Dendra in der Argolis entdeckt. Solche Schutzkleidungen waren auch in der Spätbronzezeit eher Seltenheiten.
In der Spätbronzezeit kamen in Europa die frühesten bronzenen Helme, Schilde und Beinschienen auf. Zur Ausrüstung eines vornehmen Kriegers der spätbronzezeitlichen Urnenfelder-Kultur gehörten ein Bronze- oder Lederpanzer, ein innen mit Leder gefütterter Bronzehelm, der häufig mit einem Scheitelkamm und Wangenklappen versehen war, sowie ein Bronzeschild und bronzene Beinschienen. Diese Beinschienen sollten vermutlich Verletzungen verhindern, dürften aber andererseits bei der Fortbewegung zu Fuß recht unbequem gewesen sein. Anführer und andere höhergestellte Krieger verfügten damals wohl meistens über ein Reitpferd beziehungsweise einen zweirädrigen Streitwagen. Der Besitz von Reitpferden und Streitwagen ist vor allem durch Zaumzeug- und Wagenreste in Gräbern der Urnenfelder-Kultur belegt.
Ein interessantes Phänomen der Bronzezeit in Europa beruht auf dem radikalen Wechsel der Bestattungssitte. Der jeweilige Modewandel wurde vielleicht durch neue religiöse Ideen, sich vertiefende Kontakte zu fremden Kulturen oder durch kriegerische Ereignisse ausgelöst.
Die Angehörigen der frühbronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas bestatteten ihre Toten vorwiegend in Flachgräbern in der sogenannten Hockerlage, bei der die Beine der Verstorbenen zum Körper hin angezogen wurden. Diese charakteristische Körperlage hat zu der Bezeichnung Hockergräber-Kultur oder Hockergräber-Bronzezeit geführt, die heute kaum noch gebräuchlich ist, weil es auch in anderen Zeiten Hockerbestattungen gab.
In der Mittelbronzezeit errichteten die Menschen einiger Kulturen in Europa große Erdhügelgräber mit bis zu 50 Meter Durchmesser und maximal zehn Meter Höhe über ihren in ausgestreckter Lage bestatteten Toten. Daher stammt der Begriff Hügelgräber-Kultur oder Hügelgräber-Bronzezeit.
Ein noch krasserer Wandel des Bestattungsrituals vollzog sich in Europa in der Spätbronzezeit, ab der unvermittelt weithin die Verstorbenen verbrannt und ihre Überreste in Urnen bestattet wurden. An diese neue Bestattungsart erinnert der Name Urnenfelder-Kultur oder Urnenfelder-Zeit. Die Brandbestattung setzte sich damals auch in der nordischen Bronzezeit ab etwa 1200 v. Chr. durch.
Das Totenbrauchtum der Bronzezeit in Europa hatte viele Varianten. Die Angehörigen einiger Kulturen bestatteten ihre Toten in mühsam ausgehöhlten Baumsärgen. Seltsamerweise geschah dies sogar dann noch, als man bereits zur Verbrennung der Verstorbenen übergegangen war. In anderen Kulturen »bezogen« die Toten aufwendige hölzerne Totenhäuser, die stehengelassen oder niedergebrannt wurden. Bei manchen Kulturen legte man großen Wert darauf, die Toten so zu betten, daß sie mit dem Gesicht zur aufgehenden Sonne im Osten blickten.
In etlichen Kulturen herrschte anscheinend der Brauch vor, daß Diener, Witwen oder Kinder vornehmen Verstorbenen in den Tod folgen mußten, um ihnen im Jenseits Gesellschaft zu leisten. Die vielfach üblichen Beigaben von Tongefäßen, zum Teil wohl einst mit Speise und Trank gefüllt, von Werkzeugen, Waffen und kostbarem Schmuck deuten darauf hin, daß es den Verstorbenen auch im Grab an nichts fehlen sollte. Man glaubte also an ein Leben nach dem Tod. Dies gilt ebenfalls für die Zeit, in der die Verbrennung der Toten überwog.
Wie in der vorhergegangenen Jungsteinzeit dominierten in Europa auch in den Religionen der Bronzezeit bäuerliche Fruchtbarkeits- und Naturkulte. Vor allem die Verehrung der Sonne, die teilweise bereits in der Jungsteinzeit praktiziert wurde, spielte eine große Rolle. In manchen Kulturen wurden vermutlich auch Krieger und Kriegsgötter verherrlicht. Viele Stämme opferten zu bestimmten Anlässen neben Tongefäßen, Werkzeugen, Waffen, Schmuck und Tieren sogar lebende Menschen, um Gottheiten für ihre Anliegen gnädig zu stimmen.
Zu den frühesten bronzezeitlichen Fruchtbarkeitskulten in Europa zählt derjenige der Minoischen Kultur auf Kreta. Die Menschen dieser Kultur beteten zur großen Fruchtbarkeits- und Erdgöttin, die zudem als Herrin der ungezähmten Natur und der Unterwelt galt. Ihr heiligstes Tier war die Schlange. Auch in der zeitlich jüngeren Mykenischen Kultur Griechenlands praktizierte man einen Fruchtbarkeitskult, bei dem weiblichen und männlichen Götterbildern (Idolen) gehuldigt wurde, die Fruchtbarkeit symbolisierten.
Der Sonnenkult erreichte in Ägypten eine besonders hohe Blüte. Dort genoß der Sonnengott Amun Re als König unzähliger Götter und Vater der Pharaonen höchste Verehrung. Als Pharao Amenophis IV., der Gatte von Nofretete, 1364 v. Chr. die sichtbare Sonnenscheibe (Aton) zum einzigen Gott und sich selbst zu dessen Propheten erklärte, leisteten die treuen Anhänger von Amun Re so starken Widerstand, daß sich die neue Idee nicht lange halten konnte.
Das großartigste mit dem Sonnenkult verbundene Bauwerk Europas in der Bronzezeit ist die in ihren Anfängen bis in dritte vorchristliche Jahrtausend zurückreichende Steinkreisanlage von Stonehenge bei Salisbury in Südengland. Sie diente noch in der Frühbronzezeit bei bestimmten Anlässen, etwa der Sonnenwende, als Schauplatz kultischer Handlungen.
Die Anlage Stonehenge I entstand bereits in der ausgehenden Jungsteinzeit. Stonehenge II dagegen wird von den Prähistorikern in die Frühbronzezeit datiert. Dabei handelte es sich um zwei Steinkreise, von denen der größere den kleineren umgab. Dafür mußten bis zu 20 Meter hohe Steinblöcke aufgerichtet werden. An diese Steinkreise schloß sich eine zwei Kilometer lange Allee von Menhiren (Steinsäulen) an.
Stonehenge III ist die heute noch sichtbare Anlage. Sie bestand aus einem äußeren Kreis von 30 riesigen Monolithen. Auf je zweien dieser Steine ruhte ursprünglich ein waagrechter Block, so daß jeweils ein sogenannter Trilith (Dreistein) gebildet wurde. Der äußere Kreis faßt einen kleineren Zirkel von ähnlichem Aussehen ein. Das Zentrum wird durch einen hufeisenartigen Komplex von Steinen gebildet, der den sogenannten »Altarstein« um-rahmte. Auf einigen Steinen von Stonehenge III kann man Gravierungen erkennen.
Geheimnisvolle Zeugen von der Anbetung der Sonne in Europa sind die goldenen Kultpfeiler (»goldene Hüte«) aus Deutschland (Schifferstadt, Etzelsdorf) und Frankreich (Avanton) aus der Zeit zwischen etwa 1400 und 1000 v. Chr. Diese aus hauchdünnem Goldblech in unsäglich vielen Arbeitsstunden angefertigten Kultobjekte haben vermutlich Holzpfähle gekrönt und – wenn das Sonnenlicht auf sie traf – kilometerweit sichtbar die Menschen in ihren Bann gezogen.
Auf besonders viele Hinweise bezüglich der Ausübung des Sonnenkults stieß man unter den Relikten der nordischen Bronzezeit in Südskandinavien und Norddeutschland. Dort entdeckte man nicht nur Felsbilder mit Darstellungen des Sonnenkults, sondern auch bronzene Kultwagen mit aufmontierten vergoldeten oder bronzenen Sonnenscheiben, die bei feierlichen Prozessionen mitgeführt wurden.
Als berühmtester dieser Kultwagen gilt der 60 Zentimeter lange Sonnenwagen von Trundholm bei Nykøbing auf Seeland in Dänemark: Ein bronzenes Pferd auf vier Rädern zieht ein zweirädriges Gefährt mit einer anderthalb Kilogramm schweren, einseitig mit Gold überzogenen Bronzescheibe. Vielleicht symbolisierte die vergoldete Seite der Sonnenscheibe den Tag und die unvergoldete die Nacht. Die Vorstellung, daß die Sonne mit einem Pferdewagen über den Himmel fährt, wird durch viele Mythen überliefert.
Die Trundholmer Sonnenscheibe ist auf beiden Seiten mit eingravierten Spiralen und konzentrischen Kreisen verziert. In der Schwanztülle des Pferdes klebten bei der Auffindung noch Pechreste, vielleicht steckten in ihr einst echte Roßhaare. Fragmente von Sonnenwagen kamen des weiteren in Jægersborg Hegn auf Seeland und in Tågaborg auf Schonen in Schweden zum Vorschein.
Im Zusammenhang mit dem Sonnenkult haben vielleicht auch aufwendig verzierte Scheiben und Gefäße aus hauchdünnem Goldblech gestanden, die in Deutschland gefunden wurden. Goldgefäße kennt man aus verschiedenen bronzezeitlichen Kulturen.
Auf skandinavischen Felsbildern kommt der Sonnenkult in Szenen zum Ausdruck, die Sonnensymbole in Form vier- oder mehrspeichiger Räder wiedergeben. Solche Sonnensymbole wurden auf Schiffen transportiert, von Männerfiguren getragen und von Betenden (Adoranten) verherrlicht. Als Götterbilder diskutiert man die sehr zahlreichen Darstellungen von Fußsohlen. Die unsichtbare Gottheit durfte vielleicht nur auf diese Weise angedeutet werden. Auch die vielfach leeren Schiffe und Wagen versucht man mit der Ankunft des unsichtbaren Gottes, versinnbildlicht durch sein leeres Transportmittel, zu erklären.
Mit dem Kult in Verbindung gebracht werden auch andere Darstellungen seltsamer Szenen. Dazu gehört ein Felsbild von Kallsängen in Schweden, auf dem Männer mit Vogelköpfen und Schwingen als Kraniche verkleidet sind. Ein Felsbild von Gerum in Schweden könnte ebenfalls kultische Aktivitäten zum Thema haben: Einige an Seilen hängende Männer lassen sich von der Spitze eines hohen Mastes immer tiefer herunter und wirbeln um diesen in zunehmend größeren Spiralen herum, bis sie fast den Boden berühren. Auf der Mastspitze steht ein Mann mit erhobenen Händen. Auch die am Fuße des Mastes tanzenden Menschen haben die Hände nach oben gerichtet.
Es hat den Anschein, daß die Angehörigen der in Europa weitverbreiteten spätbronzezeitlichen Urnenfelder-Kultur ebenfalls Anhänger des Sonnenkults waren. Denn auch deren Werkzeuge, Waffen, Schmuckstücke und Kultobjekte sind sehr häufig mit Kreis- und Spiralverzierungen versehen, die man als Sonnensymbole interpretiert.

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