Montag, 7. Januar 2008

Die Aunjetitzer Kultur (etwa 2300-1600/1500 v. Chr.)

Bronzegießer, »Fürsten« und Kannibalen

Bronzezeitbuch

Rohfassung eines Textes für das Buch "Deutschland in der Bronzezeit" (1986) von Ernst Probst in alter deutscher Rechtschreibung

Als Dr. med. Cenek Ryzner (1845–1923) in den 1870er Jahren im böhmischen Únetice (Aunjetitz) ein urgeschichtliches Gräberfeld untersuchte, ahnte er nicht, welche Bedeutung dieses einmal erlangen würde. Denn nach jenem Fundort mit 31 Gräbern hat man später eine der wichtigsten Kulturen der Frühbronzezeit benannt. Ryzner, der Distriktsarzt von Roztoky bei Prag und Heimatforscher war, publizierte 1880 seine Ausgrabungsergebnisse und verzichtete dabei auf einen Kulturbegriff.
Ungeachtet dessen sprachen einige Prähistoriker am Ende des 19. Jahrhunderts spontan von Funden oder Gräbern des Typs Únetice. Der Name »Úneticer Kultur« tauchte erstmals in dem 1910 erschienenen »Handbuch der Tschechischen Archäologie« auf. Das Werk wurde von den Prager Prähistorikern Karel Buchtela (1864–1946) und Lubor Niederle (1865–1944) verfaßt. Der Ausdruck Úneticer Kultur ist heute noch in Tschechien und in der Slowakei gebräuchlich. In Deutschland und Österreich dagegen verwendet man den deutschsprachigen Begriff „Aunjetitzer Kultur« oder »Aunjetitz-Kultur«.
Es gab aber auch Versuche, noch andere Namen in die Fachliteratur einzuführen. Doch der nach dem mährischen Fundort Menín (Mönitz) geprägte Name «Mönitzer Kultur« konnte sich auf Dauer ebensowenig durchsetzen wie der auf einem mitteldeutschen Fundort fußende Ausdruck „Leubinger Kultur«.
Die Aunjetitzer Kultur ist gegen Ende der Jungsteinzeit aus der Glockenbecher-Kultur und der Schnurkeramischen Kultur hervorgegangen. Weil die Aunjetitzer Leute die Gewinnung sowie die Verarbeitung von Kupfer und Bronze beherrschten, markiert ihre Kultur den Beginn der Frühbronzezeit.
Nach heutiger Kenntnis existierte die Aunjetitzer Kultur von etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr. Sie war während der Frühstufe in Böhmen, Mähren, der Südwestslowakei, Schlesien, Niederösterreich, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verbreitet. In der Spätstufe gab es sie auch im östlichen Niedersachsen sowie in Brandenburg und im Südwesten Großpolens.
Die ältesten Funde aus der Frühstufe in Mitteldeutschland (Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt) sind etwas jünger als die ältesten Hinterlassenschaften in Mähren, dem Kerngebiet der Aunjetitzer Kultur. Nach Ansicht der meisten Prähistoriker sind die Aunjetitzer in Mitteldeutschland aber nicht etwa geschlossen aus Mähren oder Böhmen eingewandert. Vielmehr machte sich im wesentlichen die einheimische Bevölkerung die Errungenschaften der Aunjetitzer aus dem Gebiet des heutigen Tschechien zu eigen.
Im östlichen Niedersachsen sind die typischen Erzeugnisse dieser Kultur erst in deren Spätstufe nachweisbar. In ihrer Nachbarschaft behaupteten sich noch Bevölkerungsgruppen, die auf dem Niveau der späten Jungsteinzeit standen. In Teilen von Sachsen (Oberlausitz), Sachsen-Anhalt (Altmark), Brandenburg (Niederlausitz, Uckermark) wurden die Metallurgie, Töpferei, Bestattungssitten und Religion der Aunjetitzer erst in beziehungsweise gegen Ende der Spätstufe übernommen.
Dank der Untersuchungen von zahlreichen Skelettresten aus Gräberfeldern weiß man einiges über das Aussehen der Aunjetitzer. In Mitteldeutschland waren sie im Vergleich zu den jungsteinzeitlichen Bauern relativ hochwüchsig. Dort erreichten die Männer einer Stichprobe zufolge eine Körperhöhe von durchschnittlich 1,71 Metern und die Frauen von 1,60 Metern. Der bisher größte Mann maß l,78 Meter, die größte Frau l,66 Meter. Ansonsten ähneln die Skelette am ehesten denjenigen der Schnurkeramiker.
Der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich beschrieb l963 die Schädel der Aunjetitzer Lokalgruppe von Großbrembach (Kreis Sömmerda) in Thüringen als ungewöhnlich lang, sehr schmal und extrem hoch. Das Kinn war höher als bei heutigen Menschen. Der zweite Backenzahn brach früher durch, als es jetzt allgemein der Fall ist.
Diesen Menschen war meistens kein langes Leben beschieden. In Mitteldeutschland lag das durchschnittliche Sterbealter der Männer bei 37 Jahren und das der Frauen bei 35,8 Jahren. Das entspricht den ungünstigen Verhältnissen in heutigen Entwicklungsländern. Als Ursachen für den – gemessen an unseren Erwartungen – frühen Tod gelten ein entbehrungsreiches Leben, schwere Arbeit, Hungerperioden, schlechte medizinische Versorgung bei Krankheiten und Unfällen. Des weiteren gab es häufig Komplikationen bei der Geburt, wobei Mutter und Kind den Tod fanden. Zudem starben viele Kleinkinder in den ersten Lebensjahren.
Von den 108 im Gräberfeld von Großbrembach bestatteten Menschen haben nur l7,4 Prozent der Männer das 40. Lebensjahr überschritten und bei den Frauen sogar nur 4,3 Prozent. Jeder vierte Erwachsene in Mitteldeutschland litt damals an Karies (Zahnfäule). Anzeichen von Parodontose sind bei mehr als 80 Prozent der Männer und Frauen erkennbar. Manchmal waren sogar schon Kinder und Jugendliche davon betroffen.
Interessante Aufschlüsse über den Zustand der Zähne lieferte die Untersuchung von Gebissen aus Gräbern in Großbrembach. Dabei wurden starker Abschliff der Zähne, Karies mit Zahnverlust als Folge, entzündliche Prozesse, häufig Zahnstein und außerdem nicht angelegte Zähne erkannt.
Ein Schädel aus Großbrembach hatte eine schwere Deformation am rechten Rand des Hinterhauptsloches, die anormale Kopfhaltung und -bewegung bewirkte. Am Schädel einer Frau von Großbrembach fand man Veränderungen, die von einem Tumor, Knochenmetastasen oder einem Sarkom stammen könnten, was wohl zum Tode führte. Ein etwa zwanzigjähriger Mann aus Schönewerda (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen litt unter einer linksseitigen Kiefer-Gaumenspalte.
Ein Aunjetitzer aus Großbrembach hatte sein ganzes Leben lang beim Gehen erhebliche Probleme. Sein linker Oberschenkelknochen war 2,5 Zentimeter kürzer als der rechte. Er hinkte deswegen und verspürte stärkere Beschwerden in den Kniegelenken sowie im überbelasteten rechten Hüftgelenk. Außerdem dürfte er infolge der pathologischen Gelenkmechanik unter Kreuz- und Rückenschmerzen gelitten haben. Derselbe Mensch hatte auch x-förmig abgespreizte Unterschenkel (X-Beine) und leicht im Kniegelenk angewinkelte Beine. Bei jedem Schritt rieben sich seine Knie aneinander und verursachten Schmerzen beim Gehen.
Bei manchen Skelettresten sind Spuren von Gewalteinwirkung erkennbar. Das war bei drei Schädeln aus dem Massengrab bei Reidewitz nahe Freist-Elben (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt der Fall. Sie weisen rundliche Löcher mit scharfem Bruch auf, weswegen der Tod bald nach der Verletzung eingetreten sein muß.
Allein aus Großbrembach sind drei Schädeloperationen nachgewiesen. Zwei davon scheinen wegen der auffallenden Ähnlichkeit von Größe und Form der Öffnung im Schädel
sowie wegen der gleichen Schabetechnik vom selben Medizinmann ausgeführt worden zu sein. Im ersten Fall ist die Operationswunde vollständig verheilt, und der Patient hat den Eingriff viele Jahre überlebt. Im zweiten Fall wurde die Trepanation etwa ein Jahr vor dem Tod vorgenommen, der dann infolge eines Schlages eintrat. Schädeloperationen waren auch bei den Aunjetitzern in Tschechien und in der Slowakei üblich.
Nach Funden aus Unterteutschenthal (Saalkreis) in Sachsen-Anhalt und Werlaburgdorf5 (Kreis Wolfenbüttel) in Niedersachsen zu schließen, trugen die Aunjetitzer eine Kleidung aus gewebten Stoffen.
In Unterteutschenthal lag ein zehn mal sechzehn Zentimeter großes Gewebefragment in einem Grab. Das leicht verfilzte Tuch hat Kettfäden aus Flachsgarn und Schußfäden aus Schafwolle. In Werlaburgdorf stieß man auf eine fast kreisrunde Grube von 1,30 Meter Durchmesser und 60 Zentimeter Tiefe. Vermutlich handelte es sich um die Kellergrube eines abgebrannten Webstuhlgebäudes, wovon 13 walzenförmige Webgewichte zeugen. Nicht selten sind an Bronzeringen Gewebeabdrücke sichtbar.
Als eine typische Gewandnadel der Aunjetitzer Leute gilt die sogenannte »zyprische Schleifennadel«. Sie verdankt ähnlichen Funden auf der Mittelmeerinsel Zypern ihren Namen, obwohl es auch in Ägypten vergleichbare Nadeln gab. Dennoch gelten diese bronzenen Nadeln als heimische Erzeugnisse. »Zyprische Schleifennadeln« wurden des weiteren an Fundstellen der Straubinger Kultur in Südbayern entdeckt. Sie behaupteten sich in einigen Gebieten bis zur Zeit der Hügelgräber-Kultur.
Aus der Frühstufe der Aunjetitzer Kultur sind bisher in Mitteldeutschland kaum Hinweise auf Siedlungen bekannt. Vielleicht waren sie so gebaut, daß sie keine Spuren im Boden hinterließen. Dagegen konnte man für die Spätstufe zahlreiche offene Siedlungen mit festen Häusern sowie einige unbefestigte und befestigte Höhensiedlungen, gelegentlich auch bewohnte Höhlen, nachweisen. Die gestiegene Zahl der Fundplätze sowie eine Art von »Landesausbau« – zum Beispiel in der Oberlausitz – deuten auf eine Zunahme der Bevölkerung hin.
Als ein besonderer Aufenthaltsort diente die Diebeshöhle bei Uftrungen (Kreis Sangerhausen) in Sachsen-Anhalt. In dieser Höhle haben Schatzsucher, Heimatforscher sowie Prähistoriker gegraben und dabei Hinterlassenschaften der Aunjetitzer Kultur entdeckt. Einer der ehemaligen Bewohner verlor in der Höhle durch einen Felssturz sein Leben.
Die Aunjetitzer lebten in kleinen Gruppen über das Land verstreut. Ihre beachtlich großen Häuser waren aus Pfosten konstruiert. Bei den früher als »Grubenhütten« bezeichneten Bauten handelte es sich vielleicht um Wirtschaftseinrichtungen. Neben den Behausungen lagen oft Abfallgruben. Zwei Hausgrundrisse wurden im Braunkohlerevier von Esbeck bei Schöningen (Kreis Helmstedt) in Niedersachsen freigelegt. Einer davon hatte die Ausmaße 27 mal sechs Meter. Ähnlich groß waren die Häuser in der Siedlung von Brezno in Tschechien.
Eine größere Siedlung hatten die Aunjetitzer auf dem Mühlberg bei Großbrembach (Kreis Sömmerda) in Thüringen gegründet. Ihre Einwohnerzahl wird auf etwa 80 bis 130 Menschen geschätzt. Dieser langgestreckte Höhenzug war nicht befestigt.
Aus Mitteldeutschland sind bisher zwölf zum Teil nachweislich mit Gräben und Wällen geschützte Höhensiedlungen der Aunjetitzer Kultur bekannt. Solche »Burgen« wurden offenbar vor allem entlang von Fernhandelswegen errichtet, die sich teilweise über Hunderte von Kilometern verfolgen lassen. Sie liegen im Vorgelände von Gebirgspässen, in der Nähe von Furten, aber auch an Weggabelungen oder -kreuzungen.
Nach Ansicht des Dresdener Prähistorikers Klaus Simon wurden die befestigten Höhensiedlungen teilweise in der Nähe oberflächennaher, ergiebiger Erzvorkommen angelegt. So befindet sich die Befestigung auf der Schalkenburg bei Quenstedt9 (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt inmitten eines Kupferschiefergebiets. Die »Burgen« von Querfurt und Langenstein waren weniger als zehn Kilometer von leicht zugänglichen Erzlagerstätten entfernt. Demnach könnte deren Ausbeutung in der Hand von Bewohnern dieser Höhensiedlungen gelegen haben.
In Mitteldeutschland beträgt die Entfernung zwischen den Aunjetitzer »Burgen« mindestens 15 Kilometer bis maximal 35 Kilometer. Im Schutz solcher Befestigungen hielten sich vielleicht Handwerker und Händler sowie ein »Fürst« mit ihren Familien auf, die von der umliegenden bäuerlichen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. Die Vorbilder für derartige Anlagen sind in Böhmen und weiter entfernt im Gebiet an der mittleren Donau zu suchen.
Als Standort für befestigte Höhensiedlungen wurden meistens kleine Bergsporne mit steilen Felshängen gewählt. Sie waren häufig nur an einer Seite zugänglich und manchmal von einer Flußschlinge umgeben. Die mitunter einzige, nur wenige Meter breite Verbindung zum Hinterland ließ sich mit geringem baulichen Aufwand durch Wälle beziehungsweise Mauern und Tore schützen. So war es bei den »Burgen« von Dohna (Kreis Sächsische Schweiz), Löbsal (Kreis Riesa-Großenhain), Mutzschen (Muldentalkreis) in Sachsen sowie in Bad Kösen (Burgenlandkreis) und Langenstein (Kreis Halberstadt) in Sachsen-Anhalt der Fall.
Bisher ist kaum etwas über die Innenbebauung der Aunjetitzer »Burgen« bekannt. Dunkle Verfärbungen auf dem Weinberg bei Grabe (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen, die durch einen helleren Geländestreifen voneinander getrennt sind, können möglicherweise von Hausgrundrissen stammen. Ob es innerhalb der mitteldeutschen Höhensiedlungen eine der Führungsschicht vorbehaltene »Akropolis« gab, wie in donauländischen Anlagen nachgewiesen wurde, ist noch nicht.
Wie zuvor die Bauern der Jungsteinzeit säten und ernteten auch die Aunjetitzer die Getreidearten Gerste (Hordeum vulgare), Emmer (Triticum dicoccon) und Einkorn (Triticum monococcum). Verkohlte Reste von Emmer und eine fragmentarisch erhaltene steinerne Getreidemühle wurden in einer Vorratsgrube von Döbeln-Masten (Kreis Döbeln) in Sachsen entdeckt. Darauf standen fünf Tongefäße der Aunjetitzer Kultur. Überbleibsel von Emmer und Einkorn lagen auch in einer Siedlungsgrube von Werlaburgdorf in Niedersachsen. Häufig sind Abdrücke von Getreidekörnern auf Tongefäßen zu finden.
Öfters legte man Getreidemühlen sogar mit ins Grab, was wohl aus religiösen Motiven geschah. Vielleicht sollten die Toten im Jenseits ebenfalls mahlen können. In einem Grab von Dresden-Gostritz wurde ein Bruchstück von einem Mahlstein (Unterlieger) von 39 mal 26 Zentimeter Größe mit maximal 14 Zentimeter Dicke geborgen. Der dazugehörige Läuferstein (Reibekugel) hatte einen Durchmesser von neun Zentimetern. Mit dem Läuferstein sind die auf den Mahlstein geschütteten Getreidekörner zerquetscht worden.
Tierknochen aus einer Siedlungsgrube bei Sundhausen (Kreis Nordhausen) in Thüringen zeigen, daß die Aunjetitzer mit der Zucht von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen als Haustiere vertraut waren. Andere Reste aus derselben Grube belegen die gelegentliche Jagd auf Rothirsche (Cervus elaphus) und Rehe (Capreolus capreolus). Die Aunjetitzer hielten auch Pferde als Reittiere. In Gleina (Burgenlandkreis) und in Köllme (Saalkreis), beide in Sachsen-Anhalt gelegen, wurde je ein komplettes Pferdeskelett in der Nähe menschlicher Gräber entdeckt.
Die Töpfer der Aunjetitzer Kultur modellierten Henkeltassen, Schalen, Näpfe und Krüge. Hinzu kamen zahlreiche grobe Wirtschaftsgefäße zum Kochen und Aufbewahren von Vorräten. Koch- und Vorratsgefäße fand man beispielsweise in Döbeln-Masten (Sachsen).
In der Frühstufe ähnelten manche Formen und Verzierungselemente der Keramik – wie Ritzlinien und Fransenmuster – bis ins Detail der Keramik in Böhmen. Zuweilen ahmten die Aunjetitzer Töpfer formschöne Schöpfungen fremder Kulturen nach, wie ein Fund aus Nienhagen (Kreis Halberstadt) in Sachsen-Anhalt beweist. Dort wurde die Nachbildung eines Vaphiobechers geborgen, die Gefäße wie den Fund der Mykenischen Kultur von Vaphio in Griechenland zum Vorbild hatte.
Im thüringischen Wandersleben (Kreis Gotha) kam ein tönernes Objekt mit runden Einstichen zum Vorschein, das von dem Prähistoriker Detlef W. Müller aus Halle/Saale als »Stempel« gedeutet wurde. Dieser Fund gehört nach Auffassung des Wiener Prähistorikers Gerhard Trnka zu den rätselhaften tönernen »Brotlaib-Idolen«, deren Funktion umstritten ist. Manche Experten betrachten sie als Kultobjekte, Webgewichte oder Gußtiegel. »Brotlaib-Idole« kennt man aus Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien, Oberitalien und Polen. Sie sind mit unterschiedlichen Einstichen versehen.
Nach Ansicht des Mainzer Prähistorikers Hans-Jürgen Hundt (1909–1990) erlangte der Metallguß in Mitteleuropa zur Zeit der Aunjetitzer Kultur ein nie zuvor gekanntes Ausmaß. Dieser Aufschwung der Gußtechnik wäre ohne das Legieren des Kupfers mit Zinn unmöglich gewesen. Zwar beherrschte man bereits in der ausgehenden Jungsteinzeit das Gießen größerer Objekte aus Kupfer, doch die Herstellung kleinerer Gegenstände in Kupferguß war damals nicht durchführbar. Erst die Beifügung des Zinns zum Kupfer machte das Metall für solche Zwecke ausreichend geschmeidig. Die Rohgüsse wurden je nach Bedarf geschmiedet, genietet, graviert und gepunzt.
In der Frühstufe der Aunjetitzer Kultur fertigten die Metallhandwerker nur Erzeugnisse aus Kupfer und Arsenbronze an. Man könnte diesen ersten Abschnitt kulturgeschichtlich noch der Jungsteinzeit zurechnen. Anfangs dienten bei der Herstellung von Geräten weiterhin meistens Steine und Knochen als Rohstoff. Die Blütezeit des Bronzegusses fiel in die Spätstufe. Erst von da ab setzte sich die Zinnbronze in Form von Nadeln, Schmuckscheiben, Hals-, Arm- und Beinringen sowie Werkzeugen, Waffen und Gußbarren durch.
Nach den Erkenntnissen der Prähistoriker und metallkundlichen Analysen der Bronzeerzeugnisse zu schließen, beschafften sich die mitteldeutschen Aunjetitzer das Kupfererz teils von weither aus den Alpen beziehungsweise Karpaten, teils aber vermutlich auch aus dem Harz, Harzvorland, Thüringer Wald, Orlagau, Vogtland und Erzgebirge. Das Zinn bezogen sie möglicherweise ebenfalls aus heimischen Lagerstätten (Erz- und Fichtelgebirge sowie Vogtland). Dies kann auf dem Tauschweg oder durch eigene Expeditionen geschehen sein.
Depotfunde mit manchmal Hunderten von Ösenhalsringen oder Randleistenbeilen belegen die Massenproduktion von Bronzeerzeugnissen. Wegen des einheitlichen Aussehens von Bronzebarren und -beilen wird darüber spekuliert, ob diese Gegenstände vielleicht beim Tauschhandel als eine Art Währung galten.
Die meisten Bronzegegenstände goß man wohl in Lehmformen, die anschließend zerstört wurden, um das gewünschte Endprodukt freizulegen. Dieses Verfahren heißt »Guß in verlorener Form«. Andererseits beweisen Gußnahtreste an Bronzeerzeugnissen auch die Verwendung von mehrteiligen Schalengußformen, die öfter eingesetzt werden konnten.
Aus Gräbern (Erfurt-Gispersleben, Sachsenburg, Kyffhäuser-Kreis) und Siedlungen (Gräfentonna, Kreis Gotha) in Mitteldeutschland sind Tondüsen für Blasrohre von Bronzegießern geborgen worden. Sie wurden beim Tiegelschmelzverfahren verwendet, das beispielsweise durch Darstellungen aus dem alten Ägypten bekannt ist. Dabei hat man mit Hilfe von Blasrohren kleine Mengen Erz in Tontiegeln zu Metall aufgeschmolzen.
Besonders auffällig ist der Metallreichtum der Aunjetitzer in der Gegend von Halle/Saale. Dort wurde auf engstem Raum eine ungewöhnliche Massierung von Metallschätzen entdeckt, die der schwedische Prähistoriker Oscar Montelius (1843-1921) bereits 1900 mit der dortigen Salzgewinnung in Verbindung brachte. Es ist gut möglich, daß die Aunjetitzer an der mittleren Saale teilweise das Metall oder Bronzeerzeugnisse mit Salz »bezahlten«.
Zu den am frühesten entdeckten großen Metalldepots im Saalegebiet gehört jenes von 1821 am westlichen Ufer der Schkopau. Das Depot umfaßte mehr als 120 bronzene Randleistenbeile und hat ein Gesamtgewicht von über einem Zentner. Weitere Bronzedepots kamen 1879 bei Bennewitz (Saalkreis), 1904 und 1937 bei Dieskau unweit Halle/Saale sowie 1923 und 1934 bei Halle-Kanena zum Vorschein. Davon war das bei Bennewitz mit 297 Randleistenbeilen im Gesamtgewicht von etwa zwei Zentnern das schwerste. Im Gegensatz dazu überwogen beim 1904 entdeckten Bronzedepot I von Dieskau Schmuckstücke, beim 1937 geborgenen Bronzedepot II von Dieskau mit 293 Randleistenbeilen jedoch wieder Werkzeuge beziehungsweise Barren in Beilform.
Ein erstaunlicher Metallreichtum wurde auch in Gräbern an der mittleren Saale und am Unterlauf der Unstrut beobachtet. Das hat 1951 den damals in Mainz tätigen Prähistoriker Ulrich Fischer veranlaßt, von einer »Metallgruppe« der Aunjetitzer Kultur zu sprechen.
Im Neißegebiet zwischen Guben und Forst in Brandenburg wurden etwa 20 Bronzedepots entdeckt. Als das größte davon gilt das in zwei Tongefäßen aufbewahrte Depot aus Guben-Bresinchen16 (Kreis Spree-Neiße) mit 146 bronzenen Waffen und Schmuckstücken im Gesamtgewicht von mehr als 30 Kilogramm. Dazu gehörten unter anderem 86 Randleistenbeile vom sächsischen Typ, 17 norddeutsche Randleistenbeile, acht Dolche, zwei Stabdolche, eine Doppelaxt, zehn Ösenhalsringe, elf kleine, schwere, ovale Ringe und neun schwere ovale Beinringe. Zu den Besonderheiten von dort zählt ein Dolch mit vier Goldscheiben auf der Griffstange.
Außer Metallen verwendeten die Aunjetitzer – wie eh und je – auch Steine, Knochen und Geweih als Rohstoffe. Das belegen die Funde bei Sundhausen in Thüringen sehr eindrucksvoll. Dort wurden zahlreiche Werkzeuge aus Felsgestein, Sandstein, Porphyr, Granit, Feuerstein, Knochen und Geweih geborgen. Dabei handelte es sich um Rillenbeile, Steinkeil, Amboß, Sandsteinplatte, Klopfsteine, Reibsteine, Pfeilschaftglätter, Knochennadel mit durchlochter Kopfplatte, Pfriem, Flachshecheln aus Schulterblättern vom Rind, Geweihstab und -hacke.
Importierte nordische Feuersteindolche kennt man nur aus der Frühstufe der Aunjetitzer Kultur. Sie dienten unter anderem zum Zerteilen von Fleisch. Ein solcher Feuersteindolch wurde in einem Grab von Seebach (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen gefunden.
Als Waffen benutzten Aunjetitzer Krieger Beile mit bronzener Klinge und hölzernem Schaft, Pfeil und Bogen sowie bronzene Dolche. Dagegen werden die bronzenen Stabdolche und Keulen als Prunkwaffen oder Zeremonialgeräte betrachtet.
Die Streitäxte mit steinerner Klinge und hölzernem Schaft waren offenbar der sozial herausragenden Schicht vorbehalten. Eine steinerne Streitaxt aus Serpentin gehörte zum Beispiel zur letzten Ausrüstung des »Fürsten« aus dem heutigen Stadtteil Leubingen von Sömmerda (Kreis Sömmerda) in Thüringen. Sie ist 17 Zentimeter lang und zur Aufnahme des Holzschafts durchbohrt.
Der Gebrauch von Pfeil und Bogen wird durch Pfeilspitzen aus Feuerstein sowie Pfeilschaftglätter belegt. Acht Pfeilspitzen aus Feuerstein sind im niedersächsischen Garlstedt (Kreis Osterholz) entdeckt worden. Einen Pfeilschaftglätter aus Sandstein kennt man – wie erwähnt – von Sundhausen in Thüringen. Darauf wurden Unebenheiten von Holzpfeilen abgeschliffen.
Bronzene trianguläre Dolche und Stabdolche gelten als besonders eindrucksvolle Zeugnisse für die Leistungsfähigkeit der Bronzegießer. Bei ihnen dürfte es sich um Prestigeobjekte für die Krieger und »Fürsten« gehandelt haben.
Der Rostocker Prähistoriker Harry Wüstemann bezweifelt, daß mit den triangulären Dolchen ein Feind wirksam bekämpft werden konnte. Denn die breiten Klingen, deren Spitzen zudem oft abgerundet sind, eigneten sich hierfür wohl kaum.
Auch die Stabdolche dienten eher zu Repräsentationszwecken denn als eine Waffe für jedermann, weil sie häufig in Gräbern bedeutender Persönlichkeiten gefunden wurden. Sie hatten einen Stab (Schaft, Stiel) aus Holz oder Bronze, an dessen Ende rechtwinklig die bronzene Klinge befestigt war. Manchmal ist der Holzschaft eines Stabdolchs mit Bronzeringen verziert gewesen.
Wie ein Stabdolch getragen wurde, verrät die Position einer solchen Waffe in einem der Steinkistengräber von Burk (Kreis Bautzen) in Sachsen: Die bronzene Klinge mit anhaftenden Resten des Holzstabs lag am Nacken des toten Kriegers, der den Stabdolch geschultert hatte.
Zu dem erwähnten Depotfund von 1904 aus Dieskau gehörten 13 Stabdolche, während jener von 1937 aus Dieskau nur einen Stabdolch enthielt. Letzterer ist ebenso wie die meisten Stabdolche des ersten Depotfundes von Dieskau aus der gleichen Legierung von Kupfer und Arsen, fast ohne Zinn, gegossen. Das Depot von Groß-Schwechten (Kreis Stendal) in Sachsen-Anhalt umfaßte zehn Stabdolche, von denen jeder etwa 500 Gramm wog.
Stabdolche waren in der Frühbronzezeit von der Iberischen Halbinsel bis zum Balkan sowie von Skandinavien bis Italien verbreitet. Der irische Prähistoriker Seán P. Ó Riordáin (1905–1957) aus Dublin definierte 1937 die Stabdolche als Waffen, die auch bei kultischen Ritualen Verwendung gefunden haben dürften. Auf Felsbildern in Skandinavien und Italien sind häufig Stabdolche mit überlangen Stielen zu sehen, die bei Zeremonien präsentiert wurden. Vielleicht diente diese Prunkwaffe als Demonstrationsobjekt für die Bevölkerung, oder sie spielte bei Opferungen eine Rolle.
Ganz selten waren offenbar bronzene Keulen. Eine solche Hiebwaffe kam in Thale (Kreis Quedlinburg) in Sachsen-Anhalt zum Vorschein. Sie ist 64 Zentimeter lang und hat einen röhrenförmigen Schaft.
Untereinander und mit Angehörigen fremder Kulturen tauschten die Aunjetitzer Bronzebarren in Form von Ösenhalsringen und Beilen, Salz und Schmuck. Nach den Funden zu schließen, gab es einen weitreichenden Tauschhandel. Auch Gast- oder Hochzeitsgeschenke dürften üblich gewesen sein.
Besonders begehrte Tauschobjekte waren Bronzebarren, für die wohl Überschüsse aus der Landwirtschaft (Saatgut, Haustiere), formschöne Keramik oder seltene Schmuckstücke geboten wurden. Die Bronzebarren hat man weiterverarbeitet oder eingeschmolzen, um daraus andere Bronzeerzeugnisse zu gewinnen.
Salz wurde – wie schon während der jungsteinzeitlichen Bernburger Kultur – auch in der Frühbronzezeit an der mittleren Saale gewonnen. Als Beweisstücke hierfür gelten tönerne Ovalsäulen und Wannen aus der Gegend von Halle/Saale, die bei der Salzherstellung verwendet wurden. Derartige feuerfeste Tongebilde nennt man »Briquetage«. Die tönernen Säulen dienten als Träger von Wannen, unter denen man Feuer schürte, um Salzsole zu sieden. Das auf diese Weise erzeugte Salz wurde nicht nur selbst verbraucht, sondern auch als Tauschware angeboten.
Von regen Tauschgeschäften künden die zahlreichen Bernsteinfunde im Verbreitungsgebiet der Aunjetitzer Kultur. Denn dieses fossile Harz stammt aus dem Nordsee- und Ostseeraum und mußte importiert werden. In der Spätstufe der Aunjetitzer Kultur gelangte solcher Bernstein bis in das Gebiet der Mykenischen Kultur Griechenlands. Als Gegengaben könnten unter anderem blaue oder grüne Fayenceperlen von dort ihren Weg bis nach Böhmen und Mähren gefunden haben.
Die Aunjetitzer verfügten – wie ihre Vorgänger aus der Jungsteinzeit – über Pferde als Reittiere. Einer der Beweise hierfür wurde in Gleina (Sachsen-Anhalt) entdeckt. Am Schädel eines dort gefundenen Pferdeskeletts befanden sich zwei Eberhauer, die als Trensenknebel gedeutet werden.
Auf dem Landweg beförderte man schwere Lasten mit Karren, vor die Rinder gespannt waren. Bei Krautheim (Kreis Weimarer Land) in Thüringen trat unter einem zerstörten Aunjetitzer Steinpackungsgrab die 3,50 Meter lange Spur eines zweirädrigen Karrens zutage. Parallel davon verlief eine weitere Radspur. Diese Radfurchen wurden von einem 1,10 Meter breiten Karren mit Holzscheibenrädern hinterlassen, deren Felgen etwa elf Zentimeter breit waren. Der Karren ist in völlig aufgeweichter Erde gefahren.
Die Aunjetitzer trugen Schmuck aus Bronze, Bernstein und Gold. Vor allem die Frauen waren mitunter reichlich mit Schmuck ausgestattet. Es gab geschlossene und offene Halsringe, Halsketten, Spiralröllchen, geschlossene und offene Armringe, Armspiralen, Nadeln, Schmuckscheiben und Beinringe.
Womit sich wohlhabende Frauen in Mitteldeutschland verschönerten, zeigt ein Fund aus Kyhna (Kreis Delitzsch) in Sachsen, der als Jenseitsausstattung für eine Aunjetitzerin gedeutet wird. Dazu gehörten eine geometrisch verzierte Schmuckscheibe, zwei kleine Scheiben mit je drei Buckelkreisen, eine »zyprische Schleifennadel«, eine Schleifennadel mit ovalem Scheibenknopf, drei Halsringe, ein Armring, zwei Armspiralen, acht Schleifenringe, 31 Spiralröllchen mit einer Gesamtlänge von 1,55 Metern, elf Bernsteinperlen, ein kleiner Dolch und ein dolchartiges Messer, das Fundstücken in der Ägäis ähnelt.
Die aus dem Norden eingeführten Bernsteinperlen hatten es manchen Frauen besonders angetan. So trug eine in einem Steinkistengrab von Burk (Kreis Bautzen) in Sachsen bestattete Frau eine Halskette mit 312 Bernsteinperlen im Gesamtgewicht von 117 Gramm. Die meist kugeligen Bernsteinperlen besaßen überwiegend einen Durchmesser von 0,6 bis 1,4 Zentimetern, nur das Schlußstück mit einer Länge von 2,2 Zentimetern und einer Dicke von
1,2 Zentimeter war noch größer. Mehr als 100 Bernsteinperlen gehörten zu dem erwähnten Bronzedepot von 1904 aus Dieskau.
Viele vornehme Aunjetitzer standen stark im Bann des Goldes. Vor allem in den »Fürstengräbern« von Sömmerda-Leubingen (Thüringen), Dieskau und bei Helmsdorf/Augsdorf (beide in Sachsen-Anhalt) lag reicher Goldschmuck. In Leubingen fand man Nadeln, einen Armring, Lockenspiralen und ein Spiralröllchen aus Gold. Sie gehörten dem »Fürsten«. In Dieskau kamen ein goldenes Randleistenbeil, zwei goldene längsgerippte Armbänder und ein schwerer Armring mit aufgerollten Enden aus goldhaltigem Silber zum Vorschein. Bei Helmsdorf/Augsdorf (Kreis Mansfelder Land) barg man zwei Ösennadeln, einen Armring, zwei Lockenspiralen (Noppenringe) und ein Spiralröllchen aus Gold.
In Böhmen war der Goldreichtum der Aunjetitzer ebenfalls beträchtlich. Im Gräberfeld von Tursko enthielt fast jedes zweite Grab goldene Gegenstände, Locken- und Armringe sowie Nadeln aus diesem Edelmetall.
Die von den Maßen her größten Kunstwerke an Fundstellen der Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland wurden bisher aus Gräbern zutage gefördert. Es sind Steinplatten mit eingravierten Motiven, deren Sinn teilweise nicht zu deuten ist. Einige dieser Steinplatten wurden vermutlich schon in der Jungsteinzeit hergestellt und in Gräbern der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur lediglich als Baumaterial wiederverwendet.
Zu diesen imposanten Kunstwerken gehört die verzierte Deckplatte eines Steinkistengrabs von Dingelstedt (Kreis Halberstadt) in Sachsen-Anhalt. Sie ist 1,55 Meter hoch, einen Meter breit und 20 Zentimeter dick. Auf der Platte mit einer menschlichen Darstellung sind links oben ein Kreis, darunter eine gestielte Axt, etwa in der Mitte senkrechte Striche und ein ovales Gebilde, das als Gürtel gedeutet wird, zu sehen.
Auf der 1,36 Meter langen, 53 Zentimeter breiten und zehn Zentimeter dicken Steinplatte von Hornburg (Kreis Merseburg-Querfurt) in Sachsen-Anhalt könnten Dolche mit Griffen abgebildet sein. Sie lag in einem Steinpackungsgrab, bei dem eine dicke Steinschicht über dem Toten angehäuft wurde.
Die Aunjetitzer bestatteten ihre Toten im allgemeinen so, daß sie auf der rechten Körperseite ruhten, wobei der Kopf im Süden lag, die Beine nach Norden wiesen und der Blick gen Osten gerichtet war, wo die Sonne aufgeht. Das geschah ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und soziale Stellung des oder der Verstorbenen.
Diese eigenartige Totenorientierung wurde 1952 in der Marburger Dissertation des später in Wiesbaden tätigen Prähistorikers Heinz-Eberhard Mandera (1922–1995) erstmals als generelle Abgrenzung der Aunjetitzer Kultur gegenüber benachbarten frühbronzezeitlichen Kulturen herausgestellt. Seine Erkenntnisse fußten vor allem auf den Beobachtungen tschechischer Forscher und den Ergebnissen des von 1947 bis 1950 in Halle/Saale wirkenden Prähistorikers Ulrich Fischer für den Elbe-Saale-Raum. Besonders im südlichen und östlichen Bereich der Aunjetitzer Kultur (Niederösterreich, Schlesien) hatte man vorher auf solche Unterscheidungen kaum geachtet beziehungsweise sie gar nicht erkannt. Die Aunjetitzer Kultur ist nach dieser Anschauung ein Grabsittenkreis.
In der Frühstufe waren – worauf die Gräber und Beigaben für die Toten hindeuten – große Besitzunterschiede offenbar noch unbekannt. Damals wurden einfache Erdgräber, selten mit Steinschutz versehen und relativ einheitlich ausgestattet, angelegt.
Dagegen lassen die Gräber der Spätstufe auf eine bemerkenswerte soziale Differenzierung schließen. Während dieser Zeitspanne sind im Flußgebiet der Saale und der Unstrut sowie in der großpolnischen Gruppe (Leki Male) vereinzelt sogenannte »Fürstengräber« errichtet worden. Typisch für sie waren hölzerne Totenhütten unter riesigen Erdhügeln. Darin bestattete man bedeutende Persönlichkeiten (»Fürsten«) mit reichen Gerät-, Schmuck- und Waffenbeigaben.
Häufiger wurden die Toten in schlichten Flachgräbern beerdigt, gelegentlich in Steinkammern (auch Steinkistengräber genannt), die einst eine Holzkonstruktion hatten, oder in Grabhügeln der späten Jungsteinzeit. Diesen Verstorbenen legte man nur selten bronzene Nadeln, Dolche und Noppenringe sowie Keramik mit ins Grab. Die meisten Gräber enthielten lediglich Tongefäße oder gar keine Beigaben.
Als eines der imposantesten »Fürstengräber« gilt das von Sömmerda-Leubingen in Thüringen. Dort ruhte ein greiser verstorbener »Fürst« mit goldenen Beigaben unter einer aus dicken, behauenen Eichenbalken und -bohlen errichteten zeltförmigen Totenhütte, die 3,50 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,30 Meter hoch war. Die als Bauholz benötigten Eichen wurden – modernen Altersdatierungen zufolge – nach 1942 v. Chr. gefällt.
Quer über dem »Fürsten« von Sömmerda-Leubingen lag ein zehnjähriges Kind. Der Boden der Grabkammer war mit Steinen gepflastert, mit Holz gedielt und mit Schilfmatten ausgelegt. Das Dach der Totenhütte hatte man außen mit Ton und Schilf abgedichtet. Darüber lasteten ein Steinhügel von zwei Meter Höhe und 18 Meter Durchmesser sowie eine Erdaufschüttung von fünf Meter Höhe. Insgesamt war der Grabhügel 8,50 Meter hoch, sein Durchmesser betrug
34 Meter und sein Umfang 110 Meter. Für diesen riesigen Hügel mußten 210 Kubikmeter Steine und 3 060 Kubikmeter Erde bewegt werden. Am Bau solcher Anlagen dürften die Einwohner mehrerer Dörfer beteiligt gewesen sein.
Ähnlich eindrucksvolle »Fürstengräber« wie das von Sömmerda-Leubingen mit Totenhütte und Goldbeigaben kennt man von Nienstedt und Sömmerda in Thüringen sowie von Dieskau und bei Helmsdorf/Augsdorf in Sachsen-Anhalt. Darin waren Anführer mit Prunk und Pomp zur letzten Ruhe gebettet worden.
Die Ausstattung des »Fürsten« bei Helmsdorf/Augsdorf bestand aus sechs goldenen Schmuckstücken, einem bronzenem Randleistenbeil, Dolch, Meißel, einer Steinaxt und einem amphorenartigem Tongefäß. Im Grab des »Fürsten« von Dieskau kam sogar die goldene Klinge eines Randleistenbeils zum Vorschein. Die Eichen für dieses »Fürstengrab« hat man in den Jahren nach 1840 v. Chr. geschlagen.
Neben den monumentalen »Fürstengräbern« gab es größere Gräberfelder für das »einfache Volk«. Eines davon wurde auf dem Mühlberg von Großbrembach entdeckt. Auf diesem Friedhof sind 108 Verstorbene in 8l Gräbern bestattet worden. Wie auch in Böhmen belegt, hatte auf dem Großbrembacher Gräberfeld jede Großfamilie ihren eigenen Platz. Das Gräberfeld auf dem Taubenberg bei Wahlitz (Kreis Jerichower Land) in Sachsen-Anhalt umfaßte mehr als 80 Gräber, von denen vier eine Holzverschalung aufwiesen.
Im östlichen Niedersachsen sind bisher 18 Gräber der Aunjetitzer aufgespürt worden. Darunter spiegelt das Erdgrubengrab von Werlaburgdorf (Kreis Wolfenbüttel) den gar nicht selten praktizierten Brauch wider, mehrere Tote in einer einzigen Lege zu beerdigen. In Werlaburgdorf nahm solch ein Grab sieben Verstorbene auf.
Neben Erdgrubengräbern errichteten die Aunjetitzer regional auch Steinkistengräber, deren Seitenwände von Steinplatten gebildet wurden. Allein in Burk (Kreis Bautzen) in Sachsen hat man 14 Gräber dieses Typs entdeckt. Sie waren innen bis zu 3,50 Meter lang, 2,50 Meter breit und reichten bis zu 1,25 Meter in den Erdboden. Bei Dresden-Gostritz wurden vier von ihnen freigelegt.
Auch in Steinkistengräbern erfolgten mitunter Mehrfachbestattungen. So hatte man in ein nur 1,35 Meter langes und 95 Zentimeter breites Steinkistengrab bei Reidewitz unweit von Freist-Elben (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt zwölf Erwachsene gezwängt. Normalerweise benutzte man Gräber dieser Größe nur für höchstens zwei Personen. Es ist allerdings nicht ganz sicher, ob dieses Steinkistengrab tatsächlich aus der Zeit der Aunjetitzer Kultur stammt.
Drei Schädel der Toten bei Reidewitz wiesen – wie erwähnt – Spuren tödlicher Verletzungen auf, die vielleicht von spitzen Steinbeilen oder Bronzebeilen stammten. Der Prähistoriker Paul Grimm (1907–1993) aus Halle/Saale spekulierte 1939 darüber, ob es sich hierbei um einen Hinweis auf kriegerische Auseinandersetzungen handeln könne.
Von der Norm wichen auch Doppel- und Dreierbestattungen in Nohra (Kreis Nordhausen) in Thüringen ab, bei denen die Toten mehr oder minder übereinandergelegt und zum Teil mit den Beinen verklammert waren. Ähnliche Körperlagen kennt man von Prag-Bubenec und Svetec (Schwaz) in Böhmen. Paul Grimm vermutete 1932 dahinter die Möglichkeit, daß auf diese Weise die Beischlafhaltung nachgeahmt werden sollte.
Unter den drei Bestattungen von Herbsleben (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen fiel eine Bauchlage auf. Es ist das Skelett einer schätzungsweise 40 bis 50 Jahre alten Frau, deren Arme und Beine vom Körper bedeckt waren. Die Bauchlage wird von manchen Prähistorikern so gedeutet, daß die Frau mit den rechtlichen oder moralischen Normen ihrer Gemeinschaft in Konflikt geraten und deshalb eine Ausgestoßene war. Möglicherweise sollte die Bauchlage aber auch den »bösen Blick« bannen, oder sie spiegelte die Furcht vor der Wiederkehr von »gefährlichen Toten« wider.
Seit der Spätstufe hat man gelegentlich Kinder in tönernen Vorratsgefäßen beerdigt. Derartige Pithos-Bestattungen, die weit in den Mittelmeerraum weisen, gab es außer in Tschechien und in der Slowakei auch in Mitteldeutschland, nämlich in Börnecke (Kreis Aschersleben-Staßfurt), Leuna (Kreis Merseburg-Querfurt) und Neuhaldensleben (Ohrekreis), alle in Sachsen-Anhalt gelegen.
Mit dem Totenkult und der Religion sind vielleicht auch einige Menhire in Mitteldeutschland verbunden. Derartige Steinmale mit und ohne Darstellungen waren allerdings
schon in der Jungsteinzeit bekannt. Die Menhire werden unterschiedlich gedeutet. Man hielt sie für Opfersteine, Ahnenbilder, Ersatzleiber von Verstorbenen, Seelenthrone oder Weltsäulen. Ob die unverzierten Menhire Hünenstein bei Nohra (Kreis Weimar-Land) in Thüringen sowie Speckseite von Aschersleben (Kreis Aschersleben-Staßfurt) und Langer Stein von Seehausen bei Magdeburg (Bördekreis) in Sachsen-Anhalt von Aunjetitzern errichtet wurden, wie manche Autoren annehmen, bleibt freilich offen.
Der Prähistoriker Martin Jahn (1888-1974) aus Halle/Saale vermutete 1950, die in den »Fürstengräbern« bestatteten Männer seien Priester gewesen. Sie repräsentierten nach seiner Ansicht gleichermaßen die weltliche und die religiöse Macht. Dem mutmaßlichen Priesterfürsten von Leubingen mußte vielleicht sogar ein zehnjähriges Kind ins Grab folgen, damit er im Jenseits bedient werden konnte und Gesellschaft hatte. Für einen Glauben an das Weiterleben nach dem Tod spricht auch der große Tontopf im Leubinger »Fürstengrab«, der Nahrungsmittel oder ein Getränk enthalten haben mag.
In der Religion der Aunjetitzer spielten Opfer eine wichtige Rolle. Man deponierte die Gaben in Sümpfen, Mooren, Flußbetten, unbefestigten und befestigten Siedlungen, Verstecken mit Steinschutz und in Tongefäßen. Neben Sach- und Nahrungsgütern opferten die Aunjetitzer nicht selten auch Leichenteile, die sie bei Kultmahlzeiten übrigließen, oder sogar lebende Menschen. Als Schauplatz von Menschenopfern dienten vor allem Höhlen.
Makabre Opferriten dürften sich in manchen der etwa 20 Höhlen des Kyffhäusers bei Bad Frankenhausen (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen abgespielt haben. Dort befand sich in der Bronze- und Eisenzeit ein bedeutender Kultort, an dem immer wieder auch Menschen geopfert wurden. Aus der Zeit der Aunjetitzer Kultur stammen Tierknochen, Menschenschädel und -knochen sowie Keramikreste, Knochennadeln, eine Bernsteinperle und ein Steinbeil, die vom Grund einer 15 Meter tiefen Schachthöhle geborgen worden waren.
Angebrannte Tier- und Menschenknochen, Keramik und geröstete Getreidekörner weisen in der Diebeshöhle bei Uftrungen (Kreis Sangerhausen) in Sachsen-Anhalt auf ähnliche Opferpraktiken wie im Kyffhäuser hin. Bei den in der Diebeshöhle ausgegrabenen menschlichen Skelettresten handelte es sich um vier Erwachsene und zwei Kinder.
Menschenopfer wurden von Aunjetitzern außerdem in Höhlen des Ith – eines Höhenzuges in Niedersachsen – dargebracht. Als Schauplätze derartiger blutiger Rituale gelten die Rothesteinhöhle, die Nasensteinhöhle und möglicherweise auch die Kinderhöhle, die alle im Kreis Minden liegen.
In der Rothesteinhöhle wurden zertrümmerte Tier- und Menschenknochen, Holzkohle, Keramikreste sowie Bronze- und Knochengeräte entdeckt. Weil viele menschliche Röhrenknochen zerschlagen waren und angeblich Brand- sowie Schnittspuren aufwiesen, wurde schon im vorigen Jahrhundert Kannibalismus vermutet. In der Rothesteinhöhle dürften etwa 28 Menschen aus rituellen Motiven erschlagen und verzehrt worden sein.
In der Kinderhöhle zeugen zertrümmerte Tier- und Menschenknochen zwischen Asche und Holzkohle von makabren Opferbräuchen. In Nischen hatte man Knochen hoch aufgetürmt. Die Höhle verdankt zwei Hirnschalen von Kindern, die ineinandergesetzt waren, ihren Namen. Auch ein durchbohrter Menschenzahn wurde dort geborgen.
Unklar ist, ob die menschlichen Skelettreste aus der Nasensteinhöhle der Aunjetitzer Kultur zuzurechnen sind und ob es sich dabei um Reste von Kannibalismus handelt. Die Nasensteinhöhle wird durch einen Felsblock in eine Süd- und in eine Nordspalte gegliedert. In der Südspalte fand man das Skelett eines Menschen, in dessen linker Augenhöhle ein langer, dünner Knochenpfriem aus dem Wadenbein eines Raubvogels steckte. In der Nordspalte lagen Menschenknochen zwischen Felsbrocken, die von der Decke der Höhle gestürzt waren. Wegen dieser Funde wurde die Nasensteinhöhle von dem Hildesheimer Botaniker Friedrich Joesting (1865–1922) als Jagdstation eines nordischen Stammes interpretiert, der Menschenjagden auf die einheimische Bevölkerung unternommen habe.
Heute besteht kein Zweifel daran, daß zumindest ein Teil der in den Ith-Höhlen entdeckten Skelettreste von Menschenopfern stammen. Das haben Untersuchungen des Göttinger Anthropologen Michael Schultz ergeben. Er stellte fest, daß einem Mann ein tödlicher Hieb auf den Kopf zugefügt wurde. Ein etwa vierjähriges Kind hat man mit dem Kopf auf den Höhlenboden geschlagen. Zudem weist eine Menschenrippe zwei Schnittspuren auf.
Auf Menschenopfer in Brunnenanlagen, die anschließend nicht mehr benutzt wurden, deuten Funde von Potsdam-Nedlitz in Brandenburg und Ganovce in der Slowakei hin. In Potsdam-Nedlitz hatte man aus rituellen Motiven eine junge Frau getötet, in Ganovce absichtlich Menschenknochen zerschlagen.
Manche Prähistoriker haben das Verschwinden der Aunjetitzer Kultur mit kriegerischen Ereignissen zu erklären versucht. Demnach sollen östliche Nomadenvölker, die bereits über zweirädrige, mit Pferden bespannte Streitwagen verfügten, auch der Aunjetitzer Kultur ein Ende bereitet haben. Einige Anhänger jener Theorie glauben, die Diebeshöhle in Thüringen sei eine Zufluchtsstätte von Menschen gewesen, welche die Katastrophe am Ende der frühen Bronzezeit miterlebten. Andere Prähistoriker meinen, die Aunjetitzer seien in der folgenden Hügelgräber-Kultur aufgegangen oder aus Mitteldeutschland abgewandert. Eine befriedigende Erklärung steht indessen noch aus.

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